Ich habe zwei Monate meines PJ-Tertials in der Notaufnahme des Mitchells Plain District Hospital (MPH) in Kapstadt verbracht. Vorweg: Es war eine extrem intensive und lehrreiche Zeit, aber definitiv nichts für jeden.
Das Krankenhaus ist ein großes staatliches District Hospital, das vor allem die Bevölkerung von Mitchells Plain und den umliegenden Townships versorgt. Entsprechend ist die Notaufnahme dauerhaft sehr voll, und man sieht viele schwere und oft weit fortgeschrittene Krankheitsbilder sowie ein hohes Traumaaufkommen.
Man wird einem von insgesamt vier Teams zugeteilt und rotiert in einem Vier-Wochen-Rhythmus: 1. Woche 5 Dienste, 2. Woche 5 Dienste, 3. Woche 7. Dienste und letzte Woche komplett frei. Die Arbeitszeiten sind relativ fordernd: Tagdienste gehen von 08:00 bis 22:00 Uhr, Nachtdienste von 20:00 bis 10:00 Uhr, wobei die letzten zwei Stunden für die Übergabe vorgesehen sind. Je nach Team durfte man teilweise früher gehen, ich bin aber meistens bis zum Schluss geblieben. Wichtig ist: Es wird erwartet, dass man da ist und mitarbeitet. Wer also auf der Suche nach einem Holiday-Tertial ist, sollte sich lieber an einem anderen Krankenhaus bewerben.
Ein Team besteht aus einem Medical Officer als Teamlead (ohne formale Facharztausbildung), einem Registrar (Arzt in Weiterbildung), zwei Ärzten im Community Service, einem Intern sowie einer variablen Anzahl an Locum-Ärzten (vergleichbar mit Honorarärzt:innen in Deutschland) und einer variablen Anzahl an Student:innen aus dem Ausland und ausländischen Gastärzt:innen. Tagsüber sind zusätzlich ein bis zwei Consultants vor Ort. Zweimal pro Woche findet morgens von 07:30 bis 08:30 Teaching statt, das insgesamt durchaus interessant ist.
Der größte Pluspunkt ist ganz klar die praktische Erfahrung. Man darf (und muss) extrem viel selbst machen: Zugänge legen, Blut abnehmen, sehr viel nähen (auch im Gesicht und am Lippenrot), Gipsen, Lumbalpunktionen, Thoraxdrainagen und Intubationen. Gleichzeitig gibt es deutlich weniger Anleitung als in Deutschland. Man wird relativ schnell ins kalte Wasser geworfen und muss viel selbst entscheiden und improvisieren. Gerade am Anfang kann das überfordernd sein – ich hatte das „Glück“, direkt mit einem unterbesetzten Nachtdienst zu starten, in einer komplett vollen Notaufnahme. Nach einer kurzen Erklärung des Systems hieß es im Prinzip: machen. Die Kolleg:innen helfen einem schon, aber man bekommt nicht ständig Feedback oder Rückversicherung. Wenn man ein hohes Sicherheitsbedürfnis hat oder viel Supervision erwartet, ist das eher nichts.
Der größte Unterschied zu Deutschland ist die Kombination aus massiv limitierten Ressourcen und einem konstant hohen Patientenaufkommen. Ich hatte zu Beginn einen echten Kulturschock, als ich gesehen habe, dass Patient:innen teilweise auf dem Boden liegen müssen, weil es nicht genug Tragen gibt. Es kommt auch vor, dass Patient:innen mehrere Tage in der Notaufnahme (sitzend!) verbringen, weil keine Betten auf Station frei sind. Gleichzeitig wird Diagnostik sehr bewusst eingesetzt – Labor wird nicht routinemäßig gemacht, sondern bei jedem Patienten genau überlegt, was wirklich notwendig ist. Das CT steht zB nur unter der Woche von 8-16 Uhr zur Verfügung und wenn im Nachtdienst ein Polytrauma oder eine Schussverletzung reinkommt, dann bleibt nur oldschool Röntgen oder POCUS übrig.
Ein weiterer großer Unterschied ist das schiere Ausmaß der Gewalt, die es in Südafrika und insbesondere in den Cape Flats gibt. Ich habe im Schnitt fast jede Schicht einen Patienten mit Schussverletzungen (mit)betreut oder Menschen mit Stichverletzungen versorgt. Auch das Thema häusliche Gewalt ist ein großer Problem in dem Land. Insgesamt zu sehen, wie wenig ein Menschenleben für manche wert sein kann und wie "normal" das im Alltag der Menschen ist, hat mich gerade am Anfang extrem traurig und nachdenklich gestimmt. Woran ich mich auch sehr gewöhnen musste ist, wie mit psychisch kranken Menschen umgegangen wird. Während es in Deutschland sehr normalisiert ist, sind psychische Erkrankungen in Südafrika noch ein Tabu. In der Notaufnahme spiegelt es sich darin wiedern, dass die Betroffenen in braune Gowns gesteckt werden und ihre eigene "Ecke" im Wartebereich haben. Auch die Hemmschwelle psychiatrische Patienten zu fixieren und zu sedieren ist wirklich sehr sehr niedrig und ich kann mir vorstellen, dass das für manche durchaus ein Trigger sein kann.
Viele Patient:innen stellen sich erst sehr spät im Krankheitsverlauf vor, sodass man häufig mit deutlich fortgeschritteneren Erkrankungen konfrontiert ist als in Deutschland. HIV und Tuberkulose sind allgegenwärtig und müssen praktisch immer in die Differenzialdiagnose einbezogen werden. Ich habe durchgehend eine FFP2-Maske getragen und würde es auch jedem empfehlen, wenn man nicht TB mit nach Hause bringen möchte. Die Notaufnahme ist zudem weniger spezialisiert als in Deutschland: Die dort tätigen Ärzt:innen arbeiten sehr breit und übernehmen Aufgaben, die bei uns oft spezialisierten Disziplinen vorbehalten sind. Dies hat zur Folge, dass Therapien nicht unbedingt so durchgeführt werden, wie es in Europa der Fall wäre und Spezialist:innen wenn erst sehr sehr spät konsultiert werden. Ich fand es gerade am Anfang sehr frustrierend, wenn dadurch Menschen teilweise gestorben sind.
Positiv hervorzuheben sind die sehr flachen Hierarchien und die Teamkultur. Man wird schnell Teil des Teams, und der Umgang ist insgesamt sehr locker. Die Teams sind außerdem extrem divers, was ich so nicht erwartet hatte. Man hat auch außerhalb der Arbeit Kontakt und bekommt Einblicke in das Leben vor Ort, was ich als großen Gewinn empfunden habe.
Organisatorisch habe ich mich etwa zwei Jahre im Voraus über das Elective Office der University of Cape Town beworben. Die Plätze, insbesondere in der Notaufnahme des MPH, sind sehr begehrt und oft schon am ersten Tag des Bewerbungszeitraums vergeben („first come, first serve“). Die Kommunikation kann teilweise dauern, also frühzeitig anfangen und Geduld mitbringen.
Bei der Unterkunft gibt es verschiedene Optionen, z. B. Studierenden-Lodges mit Gemeinschaftsbereichen. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, weil ich schon im Vrofeld wusste, wie meine Arbeitszeiten aussehen werden und mir nach den langen Schichten Ruhe wichtig war. Ich habe stattdessen ein kleines Apartment in Pinelands über AirBnbB gemietet. Das war für mich die beste Entscheidung: ruhige Lage, sehr gute Verkehrsanbindung und deutlich kürzere Pendelzeiten als z. B. aus Seapoint (während ich morgend 20 Minuten nach Hause gebraucht habe, haben meine Kolleg:innen aus Seapoint oft über eine Stunde benötigt). Gerade nach Nachtdiensten macht das einen großen Unterschied. Ein Auto ist aus meiner Sicht absolut notwendig, da es keinen sicheren ÖPNV nach Mitchells Plain gibt und Uber fahrer sich oftmals weigern in die Townships zu fahren.
Sicherheit war im Arbeitsalltag kein großes Problem. Der Weg über die N2 und R300 ist gut machbar, und ich hatte selbst nach Tagdiensten im Dunkeln keine Schwierigkeiten. Man sollte ich aber immer Vorfeld ganz genau angucken, welche Strecken einem durch Google Maps vorgeschlagen werden. Am Krankenhaus gibt es kostenlose und bewachte Parkplätze. Man sollte natürlich trotzdem die üblichen Vorsichtsmaßnahmen einhalten. Eine unangenehme Situation hatte ich nur einmal nachts nach dem Feiern, als versucht wurde, mich und meine Gruppe auszurauben.
Ein Punkt, der mich teilweise frustriert hat, waren organisatorische Abläufe, die ich als langsam und ineffizient empfunden habe. Gleichzeitig muss man das natürlich im Kontext der gesamten Struktur sehen. Das Teaching war insgesamt gut, allerdings lernt man dort weniger „leitliniengerechte Medizin“, sondern eher, wie man unter den gegebenen Umständen sinnvoll arbeitet.
Fazit: Eine unglaublich intensive Erfahrung, die mich fachlich und persönlich sehr geprägt hat. Ich habe gelernt, mit wenig Ressourcen zu arbeiten, mehr auf meine klinische Untersuchung zu vertrauen und auch mit Frustration umzugehen. Gleichzeitig ist es emotional nicht immer einfach und definitiv kein entspanntes PJ-Tertial. Ich würde es jederzeit wieder machen, würde aber klar sagen: Man muss dafür bereit sein aus seiner comfort zone rauszukommen. Wenn man viel lernen und wirklich mitarbeiten will, ist es eine der besten Erfahrungen, die man im PJ machen kann. Wenn man eher ein entspanntes Tertial mit viel Freizeit sucht, sollte man sich vielleicht eine andere Stelle in Kapstadt anschauen.