PJ-Tertial Hämatologie/Onkologie in Guy´s Hospital (9/2015 bis 11/2015)

Station(en)
Headley Atkins, Samaritan
Einsatzbereiche
Station, Poliklinik / Ambulanz / Sprechstunde
Heimatuni
Wien (Oesterreich)
Kommentar
Ich habe ein halbes Tertial Innere am Guy's Hospital gemacht. Das ist eines der größeren Krankenhäuser, das zum King's College, eine von 5 Londoner Universitäten, die Medizin anbieten, gehört.
Ich war auf der Onkologie, beim "Gastrointestinal-Team", wo das Krankheisspektrum hauptsächlich Tumore des Hepatobiliären Systems waren, es war jedoch auch möglich, anderes zu sehen, auf die Onko-Spezialambulanzen für Lunge, Uro, Gyn, Colorektal, oberer GI-Trakt etc. zu gehen, sogar die Studienambulanz war für mich als Studenten zugänglich. Es gab eine Vielzahl von seltenen Sachen am Fließband, die man sonst nirgends sieht, wie z.b. MEN, Mesotheliom, Thymom, Hepatoblastom, alle möglichen Sarkome,...
Es gab auch Tumorboards für alle diese Themen (und noch mehr, sogar CUP, cancer of unknown primary), fortbildungsmäßig war nix mit dem üblichen Nähkurs oder so, sondern Talks von Gästen aus aller Welt, ordentliche Journal Clubs, auch Pharmafirma-gesponserte Events waren an der Tagesordnung.
Generell war auf Anfrage vieles möglich, ich bin z.b. ein paar Tage einfach auf der Pathologie gewesen, weil es mich persönlich interessiert hat, mein Supervisor war hier wirklich sehr engagiert, dass er mir solche Sachen organisiert und auch das sonstige Team war nett.

Ich möchte hier noch ein Paar Schlüsselaspekte nennen, wo sich das ganze am drastischsten von Deutschland/Österreich unterscheidet:

- MAN DARF WIRKLICH NUR ZUSCHAUEN: Es gibt hierzu unterschiedliche Erfahrungen, bei mir war es so, dass ich tatsächlich NICHTS selber machen durfte. Vielleicht mal jemanden unter Aufsicht untersuchen, oder Anamnese, aber sonst wirklich nichts, nicht einmal Visitenwagen schieben, nur zuschauen. MAN HAT ALS STUDENT NICHT ZU ARBEITEN dort.

- ANWESENHEIT: Wie man will! Es ist meist bis 8 am Abend was los, du kannst kommen und gehen, wann du willst, keiner fragt nach. Es ist das, was du daraus machst.

- WOHNUNG & LEBEN: London ist ein teures Pflaster, ich habe mit dem zu dieser Zeit hohen Pfund inkl. Gebühren ca. 3500€ für die 8 Wochen gebraucht, und habe dabei in einem 8qm-Loch im Ghetto gewohnt. Zur Miete kommen noch generell höhere Kosten für Essen und so dazu, die U-Bahn kostet 130 pfund/Monat.
Was für die Wohnungssuche wichtig ist: In London ist das alles viel kurzfristiger, du findest am meisten wirklich spontan. Wenn du dir länger im Vorfeld was suchen willst, ist das fast nicht möglich, ich habe da echt viel Zeit dafür verschwendet für nichts. Auch wenn es abenteuerlich klingt, ich würde einfach ein Hostel reservieren, und was dauerhaftes finden, wenn man dort ist, so habe ich es gemacht. Der große Vorteil für diese 8-Wochen-Blöcke mit den schwankenden Einstiegsterminen ist nämlich: Ein Großteil der Zimmer werden in London wochenweise, und ab sofort vermietet. Preise starten typischerweise bei 100pfund/Woche, sparerooms.co.uk und gumtree sind zwar immer wieder voll mit scam, aber sonst brauchbar.
Zum mannigfaltigen Kulturellen Angebot Londons können sich andere wohl qualifizierter äußern, für mich selbst waren ein Haufen gute Metalkonzerte dabei.
Was ich aber spezifisch erwähnen möchte ist, dass man als "King's Student" (was man für die Zeit offiziell ist) ins sonst für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Gordon Museum kann. Das ist eine Pathologisch-Anatomische Sammlung mit allerlei grotesken Präparaten, die wirklich Ihresgleichen suchen, der Wiener Narrenturm ist da nix dagegen.

- GESUNDHEITSSYSTEM: Das britische Gesundheitssystem hatte für mich immer den Ruf, knausrig, aber effizient zu sein. Ich kann das eigentlich vor allem in einem Punkt bestätigen: es wird dort viel, viel mehr ambulant gemacht, als bei uns. Dass dort jemand für eine Chemo stationär ist, ist selten, bei uns jedoch gang und gebe. Dadurch sind dort einerseits die Ambulanzen, Tageskliniken, etc. viel wichtiger, andererseits geht es auch viel früher weg aus dem Krankenhaus in Pflegeheim, Hospiz, Betreuung zuhause, oder auch z.b. von einem Tertiär- in Sekundärspittal oder umgekehrt. Das erfordert einen eigenen Logistikapparat der das managt, das machen dort sogenannte "specialist nurses". Das ist wirklich eindrucksvoll, vor allem in der Palliativmedizin, wo sie finde ich wirklich sehr fortschrittlich sind.
Es ist dort generell alles viel "differenzierter", es gibt im wesentlichen specialist nurses für alles, also welche die nur EKG machen, nur stechen, nur Logistisches, Brustkrebsschwestern, Stomaschwestern, etc.
Dementsprechend macht sich dort auch kein Arzt die blutabnahmen selber, die Pflege macht dort wirklich, wirklich viel.
Auch die Ärzte sind wie die Pflege in Teams organisiert, und jeder Patient wird von einem Team hauptbetreut, wobei aber sehr oft mehrere Teams einen visitieren für unterschiedliche Sachen, also z.b. bei einem Leberkrebs das Gastro-Onko-Team für Therapieplanung, das Palliativteam für Schmerzmedikation, das Gastroteam für Interventionen, usw.
Das ist so wie bei uns mit den Konsilen, nur dass es einfach viel ausgeprägter ist. Es ist hochinteressant, so ein spezialisiertes System zu sehen, der Nachteil ist aber, dass man eigentlich dadurch selber kaum den Überblick hat.

- STUDIENGEBÜHREN: in UK eine Normalität, zwar noch nicht amerikanische Verhältnisse, aber fast. Die Tatsache, dass man als Student für seine Ausbildung direkt zahlt, schlägt sich in vielerlei Hinsicht im Alltag nieder. Ich hatte das Gefühl, die Studenten dort gehen dadurch mit einer ganz anderen Haltung hinein, sie erwarten, dass man sich für sie wirklich Zeit nimmt, also die Ärzte ihnen nicht aus Eigennutz oder Idealismus was beibringen, sondern standardmäßig einen gewissen Aufwand für Lehre betreiben, schließlich zahlen sie ja auch dafür. Sie würden sich auch weniger anschaffen lassen, wo sie nichts lernen dabei, im Gegensatz zu Deutschland/Österreich, wo du dich mit deinem Spritzenheini-Dasein besser insofern arrangieren kannst, als du umsonst studiert hast, und da von dieser Bringschuld etwas an das System zurückgeben kannst.
Mit den Ärzten, die dich betreuen ist es dann ähnlich umgekehrt. Die haben kein Recht zu meckern, wenn du nicht produktiv bist, oder sie sogar bremst, denn das System kalkuliert das mit ein, Lehre ist dort nicht Freizeit, wo der Arzt ders mach einen Nachteil dadurch hat, sondern etwas, das auch was kosten darf. Die Uni, und die Ärzte, denen man von der Uni zugeteilt ist, sind hier einfach die Dienstleister, nicht du. Es bedeutet aber auch sie erwarten erst recht, dass du interessiert bist, Dinge nachliest, und was daraus machst, schließlich hast du ja gezahlt dafür.
Bewerbung
6 Monate vorher über das King's College Elective Program (100 pfund Anmeldegebühr + 50pfund Kursgebühr/Woche), Zusage bekam ich 3 Monate vorher.

GENERELLES ZUM KPJ IN LONDON:
Es gibt in Großbritannien kein richtiges Korrelat zum KPJ, bzw. das, was so ein Bisschen diesen Zweck erfüllt ist das "Foundation Year 1" (es gibt FY1 und FY2, so eine Art britischer Turnus). Dieses haben sie dort aber NACH einem 5-jährigen Studium, weshalb das einzige, was man sich irgendwie in dieses KPJ-Schema pressen kann ein sogenanntes "elective" ist. Sie haben dort typischerweise ein oder zwei electives im letzten Studienjahr, es ist am ehesten das, was bei uns eine Famulatur ist. "Elective" ist also das ist das Wort, nach dem man suchen muss (gilt für den ganzen Anglo-Raum).

Ich weiß nicht, wie es an den deutschen Unis ist, aber in meiner Heimatuni Wien braucht man 8-Wochen-Blöcke, es gibt in London 5 von 3 Colleges, die 8 Wochen anbieten:
-UCL: sehr, sehr renommierte Uni, kostet aber am meisten (950 pfund); hat selber fixe Einstiegstermine, es gibt nur 2 mögliche 8er Blöcke im Sommer, zu Terminen, die andere sind als die deutschen und österreichischen Einstiegstermine, Bewerbung ca 1 jahr vorher online
-King's: flexible Termine, allerdings nicht über Weihnachten möglich, 500 pfund, Bewebung komplett online ca 6 Monate vorher
-Bart's, Queen Mary University: flexible Termine, "nur" 200 pfund, aber Anmeldegebühr, also die bekommt man nicht zurück, habe mich selber fast ein Jahr vorher beworben, es hieß ich höre noch von ihnen, eventuell auch sehr kurzfristig, ein paar Wochen vorher dann nachgefragt, leer ausgegangen.

Bewerbungen dieser Art für Halbtertiale im Anglo-Raum sind meiner Erfahrung nach administrativ höchst aufwändig. Essentiell ist hier oftmals der Zeitfaktor, es gibt einerseits oft lange Vorlaufzeiten von bis zu 1 Jahr, und dazu noch einige Bewerbungen, die sind FIRST-COME-FIRST-SERVED. Hier kann es dann sein, dass bei jedem Anmeldungszyklus die Unterlagen erst am Wochenende vor der Woche, in der die Anmeldung offen ist online gehen (ja richtig, Freitag ist sowieso Deadline). Zudem sind dann oft noch Kleinigkeiten drinnen, die zum Problem werden können, und jeder vergeudete Tag mindert deine Chancen. Das war bei mir eigentlich nur Beim Barts so, aber wenn sich soetwas abzeichnet, mach dir im Vorfeld zum Start der Anmeldung gleich einen Termin in deinem Dekanat aus.
Du brauchst 2-3 Empfehlungsschreiben, das kann von irgendwelchen Ärzten, am besten Chefs, wo du mal famuliert hast sein, das kann auch von Diplomarbeitsbetreuer sein, Hauptsache irgendwer schreibt dir auf ein paar Absätze ausgedehnt, du bist der/die beste, weil du 2 Wochen irgendwo Infusionen angehängt hast, und gut ist es. Das kann ein Haufen heiße Luft sein, wie deine Diplomarbeit selber, aber irgendetwas braucht man, sonst kann man heimgehen. Lass dir gleich von jedem mehrere unterzeichnen, das Bart's z.B. will Originale (in einem versiegelten Kuvert mit der Aufschrift "confidential" - hahaha)
Man braucht zudem noch Englische Bescheinigungen über Impfstatus etc. manchmal auch auf deren vorgefertigten Formularen, und auch eine Bestätigung einer Versicherung. Was dann auch noch dazukommt, sind die Formalitäten, dass es dir daheim angerechnet wird, aber das kommt halt darauf an. Erasmus geht nicht, die Londoner Unis sind sich da allesamt zu gut dafür, (außer du kennst dort einfach wen, dann geht's natürlich, der braucht nur den Zettel zu unterzeichnen, aber dann kannst du sowieso all das hier vergessen).
Darüber hinaus habe ich auch schon andere Extrawünsche gesehen, z.b. ein "child protection form", wo dir jemand bestätigen muss, dass er dich seit x Jahren kennt, und du an der Uni nie Kinder missbraucht hast. Als ich vom King's die Zusage bekam, hatte ich einen (!) Tag Frist, um einzuwilligen, die Kursgebühren zu sagen, und unter anderem dieses Formular einzuscannen und zu schicken. Ich habe den Tag damit verbraucht, am AKH Wien rumzurennen, um jemanden zu finden, der mir für ein Wurschtsemmerl diesen Wisch unterschreibt.
Wenn du aber für eine Solche Bewerbung alles zusammen hast, fallen alle anderen danach leicht, ich finde es macht auch nur dann Sinn sich den aufwand zu machen, wenn man sich gleich für mehrere bewirbt. Es gibt viele andere Optionen, die einem dann leicht fallen, Oxford z.b. hat auch 8 Wochen, und keine Anmeldegebühr.
Dass man oft erst spät die Zusage bekommt, und noch dazu auch nicht abschätzen kann, wann man die Zusage bekommt, ist es halt auch ein gewisser Unsicherheitsfaktor in einem KPJ, ich selber habe auf Schrotschuss einiges probiert, dachte mir London, weil ich dort am Ehesten länger am Stück bleiben hätte können, aber ich bin im Endeffekt trotzdem mit einem Fleckerlteppich ausgestiegen, wo ich ständig umziehen musste. Bereut habe ich das nicht, aber es ist vielleicht nicht für jeden was.
Unterricht
3 x / Woche
Inhalte
Patientenvorstellung
Sonst. Fortbildung
Fallbesprechung
Bildgebung
Tätigkeiten
Patienten untersuchen
Dienstbeginn
Nach Bedarf
Dienstende
17:00 bis 18:00 Uhr
Studientage
Gar nicht
Tätigkeiten
Mittagessen regelmässig möglich
Gebühren in EUR
500 pfund für 8 Wochen

Noten

Team/Station
2
Kontakt zur Pflege
1
Ansehen des PJlers
2
Klinik insgesamt
2
Unterricht
1
Betreuung
1
Freizeit
1
Station / Einrichtung
2
Gesamtnote
2

Durchschnitt 1.73