Allgemeines & Rolle als PJ
Man ist vor Ort kein klassischer PJ-Student, sondern eher ein VIP-Gaststudent. Wie stark man sich in typische PJ-Aufgaben einbringt, ist weitgehend selbstbestimmt. Diese Freiheit ist einer der größten Vorteile.
Vormittags sollte man in der Regel anwesend sein, nachmittags ist nach Absprache häufig ein frühes Gehen (teils vor 16 Uhr) möglich. Es gibt keinerlei Zwang, sondern Empfehlungen, bei welchen OPs, Stationen oder Vorlesungen man besonders profitieren kann.
Praktische Tätigkeit & OP-Erfahrung
Die Fallzahl und Varietät sind sehr groß, allerdings ist man bei den wirklich großen und komplexen OPs zunächst meist Zuschauer. Das Team ist verständlicherweise vorsichtig, besonders da man von einer externen Universität kommt.
Der praktische Einsatz erfolgt schrittweise: vom Zuschauen über kleine Tätigkeiten (z. B. Hautnähte) bis hin zur Assistenz. Meine größte OP-Teilnahme war eine rund sechsstündige Operation, bei der ich hauptsächlich Haken gehalten habe. Bis dahin musste man jedoch Vertrauen aufbauen – das dauert, ist aber möglich. Das OP-Team ist sehr strukturiert, aufmerksam und darauf bedacht, dass jeder am Tisch gut hineinpasst.
Weitere Tätigkeiten umfassten u. a. Wundversorgungen, Mitgehen bei Visiten sowie in der Gynäkologie selbstständige Ultraschalluntersuchungen und gynäkologische Untersuchungen. Visiten sind sehr kurz (oft insgesamt ca. 5 Minuten), Nachmittagsbesprechungen ebenfalls knapp.
Lehre & Sprache
Vorlesungen sind inhaltlich sehr gut, finden jedoch ausschließlich auf Türkisch statt. Auch die Patientinnen und Patienten sprechen nur Türkisch. Das ist der größte Nachteil, wenn man kein Türkisch kann.
Es gibt jedoch viele Ober- und Assistenzärzte, die eins-zu-eins betreuen, Inhalte erklären und übersetzen. Nachfragen sind jederzeit willkommen. Im Vergleich zu Deutschland fällt positiv auf, wie offen das Team für Fragen ist – inklusive spontaner Mini-Teachings.
Formale Fortbildungen richten sich eher an Assistenzärzte (oft forschungs- oder promotionsbezogen) und sind daher für PJ-Studierende nur eingeschränkt geeignet.
Arbeitsweise & Systemunterschiede
Das Krankenhaus arbeitet extrem effizient, ohne Papierkram und ohne stundenlange Computerarbeit. Wenn Computerarbeit dann macht der grösstenteil ein nicht-ärztlicher Mitarbeiter. Das ist beeindruckend, bereitet aber nur bedingt auf eine Assistenzarztstelle in Deutschland vor.
Ein Kulturschock ist die enorme Patientenzahl: In der Ambulanz behandelt ein Arzt ca. 100 Patienten pro Tag, Dadurch entstehen sehr kurze Arzt-Patienten-Gespräche und teilweise extrem knappe Untersuchungen. Leider wird manchmal Quantität über Qualität gestellt. Ein weiterer Schock war dass einige Patienten einfach ins Arztzimmer mitte in Untersuchung reinmarschieren weil sie kein Geduld mehr haben, einfach alles überfüllt und chaotisch.
Freizeit & Eigenstudium
Ein großer Vorteil ist die zeitliche Flexibilität. Eigenstudium wird akzeptiert, solange es im Rahmen bleibt. Ich konnte viele Nachmittage ausschließlich an meiner Doktorarbeit arbeiten.
Besondere medizinische Bedeutung
Das Krankenhaus hat internationale Bedeutung:
weltweit erste Uterustransplantation mit späterer Geburt
erste Gesichts- und Doppelarmtransplantationen in der Türkei
sehr starke Allgemeinchirurgie, insbesondere Organtransplantationen
Es handelt sich insgesamt um Chirurgie auf sehr hohem Niveau, mit Patientinnen und Patienten aus vielen Ländern und seltenen Krankheitsbildern.
Verpflegung & Alltag
Mittag- und Abendessen sind täglich kostenfrei auch Wochenende verfügbar. Mittagspausen (1–1,5 Stunden) sind üblich. Es gibt viele Mensen und Cafeterien im Krankenhaus, sehr günstig, Kaffeepausen sind normal.
Campus
Der Campus ist groß, schön und sozial sehr aktiv. Er ist ein geschütztes Areal mit eigenen Buslinien (für Studierende kostenlos). Es gibt zahlreiche kostenfreie oder sehr günstige Sport-, Freizeit- und Studentenclubs (z. B. Tanz, Luftsport, Outdoor Search&Rescue, Kochen, Wintersport). Ideal, um neue Hobbys auszuprobieren.
Wohnen
Klare Empfehlung:
Kültür und erst wenn das nicht geht dann:
Konyaaltı
Meltem
Stadtzentrum
Wohnungssuche ist schwierig. ESN Akdeniz (auch wenn sie nicht die beste ESN sind) könnte vielleicht als Vermittlung von Kontakten dienen, manchmal ergibt sich darüber der nächste hilfreiche Kontakt. Auch der Austausch mit anderen Erasmus-Medizinstudierenden (z. B. aus Rumänien) kann hilfreich sein. Von Targu Mures gibt es fas 100% mehrere Mediziener daher kann man schon mit den Kontakt für Wohnungssuche haben.
Antalya & Verkehr
Antalya ist landschaftlich sehr schön, mit Meer, Bergen mit Schnee und mildem Klima. Baden ist oft bis November möglich. Das Nachtleben ist eher ruhig, besonders im Winter, dafür sehr studentisch geprägt in Kültür 7/24 wach.
Der internationale Flughafen ist Terminal 2. Dort fahren Busse 400, 600, 800 zum Zentrum (Gillt normaler Preis also 0.30 Euro Studentenkarte, 0.80 Euro Erwachsene)
Zwischen Terminal 1 und 2 fahren sehr häufige Shuttlebusse (ca. alle 10 Minuten). Von Terminal 1 aus gibt es deutlich mehr Verkehrsoptionen (z. B. Straßenbahn). Nachts ist die Anbindung eingeschränkt; dann fährt vor allem die Buslinie 600.
Busse sind sehr günstig. Die App Antalyakart zeigt die Live-Position der Busse zuverlässig an. Taxis kosten ca. 13 € Flughafen-Kültür und sollten idealerweise über Apps (z. B. YandexGo) bestellt werden.
Bewerbung
Ich habe vor einem Jahr an Prof. Aydemir ([email protected] ) geschrieben. Sie ist sowohl Professorin für Histologie als auch Erasmus-Koordinatorin der Medizinischen Fakultät. Ich habe sehr schnell eine direkte Zusage erhalten, mit zügiger Antwort und flexibler Planung.
In den letzten sechs Monaten musste ich mein Tertial verschieben. Das war jedoch problemlos möglich, da es keine Konkurrenz gibt und die Plätze frei sind. Die einheimischen Studierenden belegen andere Stellen und haben ein anderes Programm. Diesem Programm kann man gerne folgen, man muss es aber nicht, da man die Möglichkeit hat, ein individuelles, optimiertes und interessenorientiertes Programm zu gestalten.
Das Krankenhaus ist sehr groß. Dort gibt es deutlich mehr Medizinstudierende im 5. Jahr als Erasmus-Studierende im 6. Jahr. In einem Krankenhaus der eine 3- Millionenstadt entsorgt befinden sich insgesamt nur etwa 20 Erasmus Medizinstudierende. Wenn man bedenkt, dass allein der Haupt-OP mehr als 20 OP-Säle hat, bietet sich eine wirklich große Auswahl. Ich durfte meine Abteilungen selbst wählen und habe mich für die drei chirurgischen Fächer (Plastik, Gyn, AllgemeinCh.) entschieden, wobei ich zwischendurch bei Interesse auch andere Fächer besuchen durfte.