Ich habe ein halbes PJ-Tertial in Perth absolviert und kann diese Erfahrung rückblickend sehr empfehlen. Es war eine besondere Zeit, die mich sowohl fachlich als auch persönlich geprägt hat und die ich nicht missen möchte.
Die Zeit vor Ort
Das australische Medizinstudium ist anders aufgebaut als das deutsche. Es dauert in der Regel fünf Jahre und sieht keine verpflichtenden Praxisphasen wie Famulaturen oder das PJ vor. Nach Abschluss des Studiums beginnt man eine Stelle als sogenannter „Intern“, die funktional dem PJ entspricht, jedoch mit ärztlicher Vergütung und Verantwortung verbunden ist.
Vor diesem Hintergrund sind australische Ärztinnen und Ärzte sehr zurückhaltend darin, Studierenden Verantwortung zu übertragen. Man sollte sich daher vorab bewusst machen, dass ein PJ in Australien größtenteils beobachtend abläuft.
Ich war zwei Monate in der Hämatologie des Royal Perth Hospital tätig, einem von drei maximalversorgenden Tertiärkrankenhäusern in Perth beziehungsweise im gesamten Bundesstaat Western Australia. Durch die besonderen geografischen Gegebenheiten ergeben sich dort klinische Situationen, die man in Deutschland so nur selten erlebt.
Die Ärztinnen und Ärzte in meiner Abteilung waren durchweg sehr offen und bemüht, mich so gut wie möglich in den klinischen Alltag einzubinden. Ich erhielt einen Wochenplan mit Visiten, Meetings und Konferenzen. Die Abteilung behandelt nahezu das gesamte Spektrum hämatologischer Erkrankungen des Erwachsenenalters. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf innovativen Therapien und klinischen Studien. Entsprechend werden viele Patientinnen und Patienten betreut, die auf Erst- oder Zweitlinientherapien nicht angesprochen haben und sich in fortgeschrittenen Krankheitsstadien befinden. Das war fachlich sehr interessant, bedeutete aber
auch, dass man vergleichsweise wenig mit klassischen leitliniengerechten First-Line-Therapien zu tun hatte und das entsprechende Wissen nicht immer vertiefen konnte.
Lehre
Einmal pro Woche gab es für die Assistenzärztinnen und Assistenzärzte eine abteilungsinterne hämatologische Fortbildung, an der ich ebenfalls teilnehmen konnte. Das fachliche Niveau war auch für mich sehr gut und ich konnte daraus viel mitnehmen. Zusätzlich fanden wöchentliche, fachübergreifende Fortbildungen für die australischen Interns statt. Die Themen waren durchaus interessant, hatten für meine eigene Ausbildung jedoch nicht immer unmittelbare Relevanz.
Gesundheitssystem und klinischer Alltag
Das australische Gesundheitssystem ist insgesamt sehr gut finanziert. Ein relevanter Personalmangel war nicht spürbar; zeitweise bestand in meiner Abteilung nahezu ein Eins-zu-eins-Verhältnis zwischen Ärztinnen bzw. Ärzten und Patientinnen bzw. Patienten. Arbeitszeiten werden strikt eingehalten, Überstunden sind die Ausnahme und werden, wenn sie anfallen, entsprechend ausgeglichen.
Besonders positiv ist mir die interdisziplinäre Zusammenarbeit aufgefallen. Es finden regelmäßig radiologische, infektiologische und pathologische Fallbesprechungen statt. Auf der Station sind neben Pflegepersonal auch Ernährungsberater, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Sozialarbeiter, Physician Assistants sowie Ärztinnen und Ärzte anwesend. Ausgeprägte Hierarchien spielen dabei kaum eine Rolle. Jeder Patient wird täglich in dieser interprofessionellen Runde besprochen. Das war der Aspekt meines PJ-Aufenthalts, der mich am meisten beeindruckt hat.
Geografische Besonderheiten
Perth gilt als die isolierteste Metropole der Welt, was sich auch deutlich in der Patientenversorgung widerspiegelt. Der Bundesstaat Western Australia ist in drei große Versorgungsbereiche unterteilt, die jeweils von einem maximalversorgenden Krankenhaus abgedeckt werden. Das führt dazu, dass Patientinnen und Patienten teilweise aus Entfernungen von bis zu 3.000 Kilometern, etwa aus dem Nordosten des Bundesstaates, zur hämatologischen Behandlung nach Perth geflogen werden müssen, teilweise sogar mehrfach im Monat.
Außerhalb von Perth gibt es keine Möglichkeit, Chemotherapien durchzuführen. Dies führt häufig dazu, dass Behandlungen verspätet beginnen und Krankenhausaufenthalte deutlich länger dauern, als es medizinisch notwendig wäre. In diesem Zusammenhang begegnet man Krankheitsstadien und -ausprägungen, die man in Deutschland nur sehr selten sieht.
Eigene Aufgaben
Meine Aufgaben bestanden hauptsächlich darin, die Visiten zu dokumentieren, die von erfahrenen Assistenzärzten („Registrars“) durchgeführt wurden. Gelegentlich nahm ich Blut ab oder legte periphere venöse Zugänge, wobei diese Tätigkeiten überwiegend von speziell geschultem Personal übernommen werden. Außerdem war ich teilweise in die Abstimmung radiologischer Untersuchungen, einschließlich Sonografien, eingebunden.
Was mir gefehlt hat, war der direkte Patientenkontakt. Während der zwei Monate hatte ich insgesamt nur wenige Gelegenheiten, Patientinnen und Patienten selbst zu untersuchen. Die Tätigkeit fühlte sich daher nur eingeschränkt wie ärztliche Arbeit an. Das ist jedoch systembedingt und betrifft auch australische Interns.
Besondere Patientengruppen
Australien, insbesondere Perth, ist eine sehr multikulturelle und multiethnische Stadt. Dies bringt auch im medizinischen Alltag besondere Herausforderungen mit sich. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass das australische Gesundheitssystem damit vergleichsweise reflektiert umgeht.
Besonders eindrücklich war für mich die Situation der Aborigine- beziehungsweise First-Nations-Peoples. Diese Bevölkerungsgruppen sind gesundheitlich deutlich schlechter versorgt und weisen eine hohe Prävalenz unbehandelter Erkrankungen auf. In Gesprächen wurde deutlich, dass dies zum einen an mangelnder gesundheitlicher Bildung, zum anderen aber auch an einer tief verwurzelten Ablehnung staatlicher Systeme liegt. Diese ist das Ergebnis jahrhundertelanger Unterdrückung und der bis in die 1970er-Jahre andauernden Segregationspolitik der australischen Regierung, unter anderem im Zusammenhang mit den sogenannten „Stolen Generations“. Aspekte der generationsübergreifenden Traumatisierung sind daher im australischen Gesundheitswesen allgegenwärtig. Diese Einblicke waren für mich sehr prägend und haben meinen Blick auf sogenannte „herausfordernde Patientinnen und Patienten“ nachhaltig verändert.
Sprache und persönliche Entwicklung
Für die Bewerbung wird formal ein IELTS-Zertifikat auf mindestens C1-Niveau erwartet. Im klinischen Alltag war das ärztliche Personal sehr bemüht, mich auch sprachlich gut einzubinden, wobei ich insgesamt nur selten Verständigungsprobleme hatte. Zu Beginn fehlte mir stellenweise noch spezifisches medizinisches Fachvokabular, das sich jedoch innerhalb weniger Wochen deutlich verbesserte. Herausfordernder war gelegentlich das Verstehen von Patientinnen und Patienten aus ländlichen Regionen Australiens, da deren Akzent sich teilweise deutlich vom städtischen Englisch unterscheidet. Auf Nachfrage waren die Patientinnen und Patienten jedoch stets bemüht, verständlicher zu sprechen. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass mir der Aufenthalt auch sprachlich sehr viel gebracht hat und ich gegen Ende des Praktikums deutlich flüssiger und sicherer kommunizieren konnte, auch in komplexeren klinischen Situationen.
Perth
Perth ist in vielerlei Hinsicht eine besondere Stadt. Sowohl ihre geografische Isolation als auch ihre enorme räumliche Ausdehnung sind im Alltag deutlich spürbar. Ohne Auto ist Mobilität zeitintensiv. Zwar gibt es ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz, durch die großen Entfernungen sind die Fahrzeiten jedoch lang und die Taktungen teilweise ungünstig. Unter diesen Umständen lohnt es sich, über die Anschaffung eines Autos nachzudenken.
Die Stadt ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen und modernisiert worden. Sie ist sauber, bietet viele Grünflächen und eine hohe Lebensqualität. Der Freizeitwert ist ebenfalls sehr hoch. Die Strände in und um Perth zählen zu den schönsten der Welt und sind ein zentraler Bestandteil des Lebens dort. Auch abseits der Arbeit wird einem nicht langweilig. Ich kann nur empfehlen, sich die Zeit zu nehmen, auch andere Teile Western Australias zu bereisen, auch wenn die Entfernungen zunächst abschreckend wirken mögen.
Fazit
Ich habe mich bewusst für ein PJ in Australien entschieden, obwohl mir von Anfang an klar war, dass die Tätigkeit überwiegend beobachtend sein würde, und wurde in dieser Erwartung nicht enttäuscht. Wer mit dem Wunsch nach Australien geht, aktiv ärztlich mitzuarbeiten, dem würde
ich ein PJ dort eher nicht empfehlen. Nichtsdestotrotz habe ich fachlich viel gelernt. Ich habe zahlreiche Krankheitsbilder mehrfach gesehen, die man in Deutschland möglicherweise nur einmal im gesamten Berufsleben erlebt.
Insbesondere der Umgang mit multimorbiden, immunkompromittierten Patientinnen und Patienten sowie komplexen Infektionskonstellationen war für mich sehr lehrreich. Der konsequent interdisziplinäre Ansatz der Patientenversorgung, der in Deutschland nicht immer im Vordergrund steht, hat mich zum Nachdenken gebracht und wird mein zukünftiges ärztliches Handeln sicher beeinflussen. Auch der Umgang des australischen Gesundheitssystems mit system- und geografisch bedingten Herausforderungen war für mich ein zentraler Aspekt, der mir neue Perspektiven eröffnet hat.
Bewerbung
PJ- und Famulaturstellen werden in Australien grundsätzlich über die jeweiligen Universitäten organisiert. Die entsprechenden Hochschulen verfügen über eigene Webseiten für sogenannte „Clinical Electives“. Da viele der offiziellen Bewerbungszeiträume bereits abgelaufen waren, habe ich mich direkt über diese Webseiten per E-Mail an die zuständigen Ansprechpartner gewandt.
In Perth kann man sich etwa sechs Monate vor Beginn des gewünschten Praktikumszeitraums bewerben. Im Bewerbungsprozess lädt man verschiedene Dokumente hoch, zahlt eine Bewerbungsgebühr und wählt bis zu drei Fachbereiche sowie Zeiträume aus, die infrage kommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Zeiträume in der Praxis weniger starr gehandhabt werden, als es auf den Webseiten zunächst wirkt.
Nach der Zusage durch die University of Western Australia (UWA) mussten weitere Unterlagen, darunter ein deutsches sowie ein australisches Führungszeugnis, hochgeladen und die Praktikumsgebühren bezahlt werden. Für zwei Monate beliefen sich diese in meinem Fall auf etwa 850 Euro. Ich habe zudem erlebt, dass Aufenthalte auch direkt mit Krankenhäusern organisiert werden können, auch wenn die Universitäten diesen Weg offiziell ausschließen.
Nach meiner Ankunft in Perth war ein persönlicher Termin im Dekanat der UWA erforderlich, um weitere Dokumente zu unterzeichnen, die zwingend notwendig sind, um in einem Krankenhaus arbeiten zu dürfen.