Ich hatte eine sehr gute Zeit in London, hätte aber nicht ein ganzes Tertial dort machen wollen (was beim KCL auch nicht geht, 8 Wochen ist die Obergrenze), weil ich sehr wenig selber gemacht habe und die 8 Wochen Aktupsychiatrie in Deutschland eine sehr gute Ergänzung waren.
Vielleicht erstmal zur Erklärung der Struktur: Das Institute of Psychiatry, Psychology & Neuroscience (IoPPN) des King's College London (KCL) arbeitet mit dem South London and Maudsley NHS Trust (SLaM, quasi eine Untereinheit des NHS) zusammen. SLaM besteht aus verschiedenen Krankenhäusern im Londoner Süden, das Bethlem Royal Hospital ist eines davon.
KLINIK:
Man konnte in der Bewerbung aus einer Liste seine psychiatrischen Interessen auswählen und da ich dort „Psychosis“ ausgewählt hatte, wurde ich auf der National Psychosis Unit (NPU) am Bethlem Royal Hospital in Bromley eingesetzt (hier ist ein Text über die NPU von 2015, ist nicht mehr alles 100% up to date, aber gibt trotzdem einen ganz guten Eindruck: https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(15)00460-5/fulltext). Die einzelnen Gebäude des Krankenhauses befinden sich auf einem großzügigen Gelände mit viel Grün.
Die NPU ist eine sogenannter „Tertiary Service“. Krankenhäuser aus dem ganzen Land können Patient*innen mit therapieresistenten psychotischen Störungen dorthin überweisen, das NPU-Team führt dann ein Gespräch mit dem lokalem Behandlungsteam und/oder Angehörigen und/oder Patient*in und spricht Behandlungsempfehlungen aus, die auch eine Aufnahme auf der NPU beinhalten können. So werden pro Jahr ca. 100 Patient*innen kennengelernt und ca. ein Viertel davon aufgenommen. Die Patient*innen bleiben im Schnitt 9-12 Monate, es ist also insgesamt eine Station mit wenig "turnover".
Ähnlich wie ich das auch in anderen PJ-Berichten aus UK gelesen habe, genießt man als Medical Elective Student ein hohes Maß an Autonomie. Das heißt, es gibt keine PJler*innen-Aufgaben (im Gegenteil, mir schlug am Anfang eher Irritation entgegen, wenn ich meine Hilfe bei der Visitendokumentation o.ä. angeboten habe) und man ist sehr flexibel, weil man auf Station nicht in dem Sinne gebraucht wird. Ein anderer Student, der gleichzeitig mit da war, ist nur einmal die Woche zur Visite seines Consultants erschienen und das schien auch niemanden zu stören. Der Nachteil ist natürlich, dass man sich selbst kümmern muss, damit man in seiner Zeit möglichst viel sieht bzw. lernt. Ich habe ein wenig gebraucht, richtig auf der Station anzukommen und bin auch nicht sicher, ob es die perfekte Station für PJ ist, da am einzelnen Tag nicht so viel passiert. Am Ende war ich aber mit meinem „Wochenplan“ ganz zufrieden:
- Wochentags findet morgens 9:15-9:45 „daily handover“ mit Pflege, Ergotherapeut*innen, Ärzt*innen und Psycholog*innen statt. Die AÄ sind immer erst dafür gekommen, „Dienstzeiten“ waren also 9-17:00.
- Dienstag, Donnerstag und Freitag 9:45-13:30 Uhr ist die multidisziplinäre Visite, jeweils mit einem*r anderen Consultant und anderen Patient*innen (jede*r ist einem*r Consultant zugeteilt). Diese knapp 4 Stunden werden auch fast immer ausgeschöpft, obwohl es meistens nur 5-6 Patient*innen sind. Nachmittags sind die AÄ mit Visitendokumentation oder sonstigem Papierkram beschäftigt, häufig gibt es aber auch eine Patient*in zu untersuchen oder ein EKG zu schreiben. Ich habe mich am Anfang noch viel in die Patientengeschichten eingelesen und später dann auch mal bei einem Bericht o.ä. geholfen. Oft bin ich aber auch schon am früheren Nachmittag gegangen. Das ergotherapeutische Programm ist auch ziemlich breit, um da mitzugehen muss man einfach auf die Ergotherapeutinnen zugehen und fragen, was wann stattfindet (der OT-Garden ist sehr empfehlenswert!).
- Mittwochs war ich immer beim Fortbildungsprogramm der Assistenzärzt*innen dabei (die „Core Trainees“ (1.-3. Jahr der fachärztlichen Ausbildung) haben jeden Mittwoch den ganzen Tag Kurse: http://www.maudsleytraining.com/), was meistens aus drei einstündigen Vorträgen, dem IoPPN Journal Club und der Grand Round besteht. Mein Supervisor hat dafür einfach den Koordinator Charles Bowmann angeschrieben und gefragt, ob ich teilnehmen darf. Der Journal Club hat mich besonders begeistert, weil dort meistens die Autor*innen vom jeweiligen Paper entweder in persona dabeiwaren oder remote dazugeschaltet wurden (teilweise aus Australien und den Niederlanden). Die Grand Round pausiert scheinbar Juli-September, deswegen habe ich da nicht so viele mitbekommen.
- Montags finden Assessments von Patient*innen statt, die an die NPU überwiesen wurden, die meisten davon online über Teams, manche aber auch in London selbst. Ich habe meistens im Laufe der Woche die Sekretärin gefragt, wer die Assessments am Montag macht und dann die entsprechenden Consultants gefragt, ob ich dabei sein darf (was nie ein Problem war). Montagnachmittags ist das NPU Expert Panel Meeting, in dem die Assessments der letzten Woche diskutiert werden (welche Behandlungsempfehlungen werden gegeben und wird eine Aufnahme in Erwägung gezogen?).
Das IoPPN ist sehr renommiert in der psychiatrischen Forschung und das merkt man auch im SLaM. Z.B. gibt es im ganzen Trust flächendeckend Pharmacists, die in den Visiten sitzen und gerne mal die eine oder andere Studie zitieren, was in der NPU-Visite immer sehr geschätzt war. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass es ein sehr Forschungs-nahes Arbeiten war. Als ein Patient eine drug reaction hatte, wurde im Nachgang direkt diskutiert dazu ein Case Report zu schreiben (und ich wurde gefragt, ob ich da mitwirken will).
Man könnte wahrscheinlich 8 Wochen alleine damit verbringen in SLaM alle möglichen specialist units und outpatient clinics anzuschauen, weil so viel Spannendes passiert. Ich habe versucht einen Mittelweg zu finden und sowohl die NPU Patient*innen und das Team kennenzulernen als auch in ein paar andere Abteilungen reinzuschauen und IoPPN-Luft zu schnuppern (ich hab einen Dienst mitgemacht und war dabei auf der Psychiatrischen Intensivstation, in der Forensik und auf einer Akutstation; ich habe einen Tag mit dem Lambeth Early Intervention-Team verbracht). Dafür fand ich das Maudsley Trainingsprogramm auch sehr praktisch, weil man mit den AÄ dort quatschen konnte und auch aus anderen Abteilungen hören konnte, was da so passiert.
WOHNUNG:
Wie wahrscheinlich alle wissen, ist der Wohnungsmarkt in London nicht gerade der entspannteste. In den Sommermonaten kann man wohl relativ unproblematisch in Wohnheimen der Uni unterkommen, aber während des Semesters geht das leider nicht, da nur Erstis Anspruch auf einen Wohnheimsplatz haben. Ich habe dann über private Kontakte eine kleine Wohnung gefunden, wo ich 1400£ pro Monat gezahlt habe (das ist scheinbar ein relativ normaler Preis). Allerdings habe ich nicht so darauf geachtet, wie weit es zu pendeln war und hatte dann immer 1:15h mit Tube, Zug und Bus zu pendeln, was auf die Dauer schon genervt hat. Das ist auf jeden Fall auch ein Kostenfaktor für mich täglich 14£ zur Klinik und zurück), deswegen wäre wahrscheinlich eine Unterkunft näher an der Klinik smarter.
Bewerbung
Die Bewerbung lief über das Online-Bewerbungsportal des Institute of Psychiatry, Psychology & Neuroscience des King's College und war wirklich aufwendig: Es brauchte 2 akademische Empfehlungsschreiben, CV, Motivationsschreiben, IELTS (der kostet 255€) und 100£ Bewerbungsgebühren (das wurde scheinbar inwzischen auf 200 erhöht). Die Bewerbungszeiträume (in meinem Fall 6 Monate vor Beginn, das Portal war 01.-30.03. offen) sowie detaillierte Informationen zu den einzureichenden Dokumenten finden sich auf der Website des IoPPN (https://www.kcl.ac.uk/ioppn/study/student-placements-and-medical-electives). Ich habe mir noch totalen Stress gemacht und versucht einen Supervisor zu finden, mir wurde am Ende aber ein anderer zugeteilt, also das scheint sich nicht zu lohnen. Leider antwortet das Administration Team ([email protected]) nicht sehr gut auf E-Mails, das hat jeweils mehrere Wochen gedauert. Mir wurde nach Einreichen der Bewerbung dann mitgeteilt, dass die Rückmeldung bis spätestens 6 Wochen später (14.05.) käme, was aber dann nicht der Fall war. Am Ende kam die Zusage eine Woche verspätet und auch erst auf Nachfrage. Man muss dann die 400 £ Gebühren (50 £ pro Woche) zahlen und ein Führungszeugnis einreichen. Der arbeitsmedizinische Kram hat sich auch noch ziemlich lange gezogen (da braucht man Nachweise über Varizellenimmunität, MMR und Hep B, jeweils auf Englisch oder beglaubigt übersetzt) und war ein nerviges Hin und Her, da das IoPPN das outgesourced hat und die verantwortliche Firma nicht so koordiniert ist. Man braucht ein Standard Visitor Visa (Gebühren ca. 240€), die Beantragung läuft online, dann muss man aber noch persönlich seinen Pass vorzeigen und seine "Biometrics" in so einem Visumscenter abgeben (das hat UK outgesourced und es läuft über ein Unternehmen namens "VFS Global"). Die behalten dann den Pass für 3-4 Wochen und danach kann man ihn wieder abholen kommen (oder für 60 € per Kurier liefern lassen). Außer den Informationen über Visum und Impfungen habe ich die Monate nach der Zusage nichts gehört und dann 2 Wochen im Voraus über das King’s Apply Portal nochmal nachgehakt und dann kamen auch relativ schnell mehr Infos und ein Kontakt zu meinem Supervisor Prof. James MacCabe.
Unterricht
1x / Woche
Inhalte
Sonst. Fortbildung
Dienstbeginn
Nach 8:00 Uhr
Dienstende
15:00 bis 16:00 Uhr
Studientage
Frei verfügbar
Tätigkeiten
Mittagessen regelmässig möglich
Gebühren in EUR
100 £ Bewerbungsgebühren, 400£ für ein halbes Tertial Gebühren