Die ersten acht Wochen meines Praktischen Jahres habe ich in der Abteilung für Plastische Chirurgie am Royal Victoria Infirmary (RVI), dem Universitätskrankenhaus der Newcastle University, absolviert. In England ist es üblich, dass man während klinischer Praktika einem festen Oberarzt (Consultant) zugeteilt wird, mit dem man die gesamte Zeit eng zusammenarbeitet. Mein Supervisor war auf Hautkrebs, insbesondere Melanome, spezialisiert. Darüber hinaus hatte ich auch die Gelegenheit, mit anderen Consultants zusammenzuarbeiten und so einen umfassenden Einblick in die verschiedenen Bereiche der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie (HPRV) zu gewinnen.
Im RVI ist es eher unüblich, dass Medizinstudierende viel Zeit auf der Station verbringen. Daher war ich hauptsächlich in der Ambulanz und im OP tätig. In der Melanom-Sprechstunde meines Supervisors nahm ich vorrangig eine beobachtende Rolle ein. Besonders lehrreich war für mich die Mitarbeit in der Plastic Trauma Clinic – einer handchirurgischen Ambulanz, die zu den größten in der Region zählt und an 365 Tagen im Jahr Patienten versorgt. Fälle mit OP-Indikation werden dort in der Regel noch am selben Nachmittag operiert. In dieser Klinik durfte ich unter Supervision eigenständig Patienten betreuen: Anamnese, Untersuchung, OP-Indikation prüfen, Arztbrief verfassen und ggf. die Operation anmelden. An den entsprechenden Nachmittagen war ich im Hand-Trauma-OP eingeteilt, wo ich fast immer assistieren konnte. Eine Herausforderung war zeitweise die hohe Zahl an Studierenden in der Abteilung, wodurch die praktischen Möglichkeiten gelegentlich eingeschränkt waren.
An den übrigen Tagen war ich im OP eingesetzt. Welche Aufgaben ich dort übernehmen konnte, hing stark vom jeweiligen Operateur ab. Abgesehen von einer Ausnahme stand ich bei jeder Operation am Tisch, und die Atmosphäre im OP war nahezu durchgehend positiv und kollegial. Mehrfach wurde mir rückgemeldet, dass viele englische Studierende zu Beginn ihrer Electives noch wenig praktische Erfahrung mitbringen. Deshalb musste ich Aufgaben, die über das Halten von Haken und Abschneiden von Fäden hinausgingen – wie das Zunähen von Wunden, das Anlegen von Verbänden oder das Einsetzen von Drainagen – zu Beginn aktiv einfordern. Nach einigen Wochen kannten mich viele der Consultants besser und übertrugen mir diese Tätigkeiten zunehmend von sich aus. Was ich hier aber anmerken möchte: Es gibt einige Consultants, die nicht wollen, dass sich ein Student einwäscht oder die zwar damit einverstanden sind, dass man sich einwäscht, aber die einen absolut gar keine Aufgaben übernehmen lassen. Unter anderem folgende Consultants habe ich allerdings als sehr offen gegenüber (internationalen) Studierenden erlebt und kann die Arbeit mit ihnen empfehlen: Mr Mani Ragbir, Mr Sahan Rannan-Eliya, Mr Maxford Coutinho; generell hatte ich das Gefühl, dass einen die Handchirurgen am meisten Aufgaben übernehmen lassen.
Noch ein kurzer Punkt zum Thema "Einwaschen": Das läuft anders ab, als ich es bisher kannte, da man nicht von einer OTA eingekleidet wird, sondern alles selbst anziehen muss. Ist mit ein bisschen Übung wirklich gut machbar, würde es mir allerdings vorsichtshalber am Anfang zeigen lassen.
Unterkunft:
Ich habe in Bowsden Court (Wohnheim) gewohnt. Dieses liegt etwas nördlicher im Stadtteil South Gosforth, der aber mit der Metro sehr gut angebunden ist (Taktung meist unter 10 min, Fahrtdauer ins Zentrum ca. 10 min, Fußweg zum RVI dann noch 5-10 min). Es wird hierbei recht schnell eine verbindliche Zusage sowie die Überweisung der kompletten Mietkosten im Voraus verlangt: ca. 700€/Monat). Es sind En-Suite Zimmer mit eigenem Badezimmer, die Küche teilt man sich. Eine frühere Anreise (auch am Wochenende) ist möglich, wird jedoch berechnet.
Freizeit:
Studientage sind von Seiten der Klinik aus nicht vorgesehen. Mein Consultant war eher streng und hat mir nie angeboten, mal einen Tag frei zu nehmen, was ich von vielen anderen Studierenden mitbekommen hatte. Trotzdem haben wir an den Wochenenden und Feiertagen sehr viele Ausflüge gemacht, dabei hat es sich sehr gelohnt, dass wir ein Auto dabei hatten. Nordengland bietet touristisch deutlich mehr, als ich auf dem Schirm hatte, darunter Alnwick Castle, Bamburgh Castle (von innen unspektakulär aber tolle Lage in der Landschaft; würde es nur von außen anschauen), Cragside, Farne Islands (Bootstour), Whitley Bay, Tynemouth (Markt am WE), Holy Island, Northumbria National Park, Durham und York. In Schottland ist Edinburgh sehr zu empfehlen, was von Newcastle auch mit dem Zug gut zu erreichen ist. Tipp an dieser Stelle: Warme Kleidung mitnehmen, auch wenn Sommer ist! Der Wind und die Regenschauer sind nicht zu unterschätzen, auch wenn wir v. a. im Juni/Juli auch einige schöne Tage hatten.
Fazit:
Das halbe Tertial hat einen guten Einblick in das englische Gesundheitssystem ermöglicht und ich habe in der Plastischen Chirurgie einige interessante OPs gesehen. Leider hatte ich aus verschiedenen Gründen ein paar Differenzen mit meinem Consultant (Mr Alrawi; kann ihn v. a. wenn man aus Deutschland kommt nur bedingt weiterempfehlen), konnte aber zum Glück viel Zeit mit anderen Consultants verbringen, wodurch das letztendlich nicht sehr ins Gewicht gefallen ist. Wer den Anspruch hat, sehr viele praktische Dinge selbst zu machen, sollte sich darauf einstellen, diese immer wieder aktiv einfordern zu müssen; es ist aber definitiv nicht unmöglich! Nordengland bietet freizeittechnisch sehr viel und ich habe während der Zeit dort andere visiting students kennengelernt, die in der Zeit zu echten Freunden geworden sind. Insgesamt große Empfehlung; würde aber persönlich nicht mehr als ein halbes Tertial dort verbringen.