PJ-Tertial Notfallmedizin in Mitchells Plain Hospital (9/2025 bis 12/2025)

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Einsatzbereiche
Notaufnahme
Heimatuni
Witten/Herdecke
Kommentar
Ich habe mein volles Wahltertial (4 Monate) am Mitchells Plain Hospital (MPH) bzw. Heidevelt Emergency Center (HEC) der University of Cape Town (UCT) verbracht.

Arbeitszeiten: Für die Trauma/ Emergency Electives wird man einem festen Team zugeteilt und rotiert mit diesem. Der Rotationsplan wiederholt sich monatlich und sieht ungefähr so aus: Zwei Tage Nachtdienst, zwei Tage frei, 7 Tage durcharbeiten. Drei Tage frei. 7 Tage durcharbeiten. Ganze Woche frei. Die 7- Tage- Blöcke als Vorwärtsrotation aus Tagdiensten 8- 20Uhr bzw. 8-16:30 Uhr gefolgt von Spätdiensten 12- 22 Uhr und dann Nachtdiensten 20-8 Uhr. Am MPH sind die Zeiten durch langwierige Übergaben/ Abschluss von Patientenfällen je nach Teamleader noch mal 1-2h länger, oft kann man aber auch vor der Übergabe gehen. Die 12- 14 Stunden zwischen Blut, Erbrochenem, Urin, schreienden Psych- Patienten, Sterbenden, Toten und ganz viel TB machen irgendwann schon müde. Wenn man aber die Notfallmedizin mag und einen leichten Hang zu Anarchie/ Chaos hat, dann vergeht die Zeit in der Klinik trotzdem schnell.

Patienten: Man versorgt Patienten aus den umliegenden Townships. Diese sind gezeichnet von mangelnder gesundheitlicher Bildung, jahrelangem Drogenkonsum und einem Leben unter unmenschlichen Konditionen. All das verhindert die konsequente Behandlung von Tuberkulose/ HIV/ COPD und erschwert die rechtzeitige Behandlung aller möglicher akuter Krankheitsbilder. Das führt dazu, dass man viele Patienten in den Maximalformen akuter Krankheitsbilder sieht, die insbesondere von den genannten Infektionskrankheiten aggraviert werden. Das kann einerseits fachlich interessant, andererseits aber auch psychisch belasten sein. Hinzu kommt, dass die schweren Vorerkrankungen der Patienten, die späten Präsentationen, das Patientenaufkommen, sowie die eingeschränkten Ressourcen des südafrikanischen Gesundheitssystems eine Versorgung nach deutschem Standard meist unmöglich machen. Erwartet also nicht, dass ihr hier z.B die eine Versorgung eines Schlaganfalls/ Herzinfarktes nach deutscher Leitlinie in Perfektion lernt. Alles ist den lokalen Umständen angepasst und damit eher rudimentär, praxisorientiert und zeitweilig auch frustrierend ungerecht. Natürlich kommen aber die wenigsten für die Versorgung internistisch/ neurologischer Patienten zu einem Elective am HEC/ MPH (obwohl sie 80% der Patientenlast ausmachen), also noch kurz zu den Traumapatienten: Jeden Tag werden um das HEC/ MPH herum Menschen mit verschiedensten Gegenständen gestochen/ geschnitten, angeschossen oder Opfer von sogenannten Community Assaults. Die Anzahl dieser Patienten variiert nach Tageszeit (nachts mehr), Wochentag (Wochenende mehr) und finanziellen Ressourcen in den Townships (Monatsende/ Monatsanfang mehr). Wenn ihr möchtet, könnt ihr viele Wunden versorgen, Brandverletzungen „scrubben“ und Thoraxdrainagen einlegen. Auch linksseitige Notfallthorakotomien und Notfallkoniotomien kommen vor, wenn auch deutlich seltener (bei mir jeweils 1x). Man sieht insgesamt ein beeindruckendes Maß zwischenmenschlicher Gewalt. Aus meiner Sicht lohnt es sich, sich vorher die eigenen Resilienzstrategien+ potenzielle Trigger bewusst zu machen. Am MPH/ HEC werden einige bedient: sexualisierte/ geschlechtsspezifische Gewalt, Gewalt gegen Kinder, Folter, Suizide, Fehlgeburten und während meines Aufenthalts auch 5 Kinder-/ bzw. Neugeborenenreanimationen.

Standort- Heidevelt Emergency Center (HEC): Das HEC ist eine kleine Notaufnahme mit einem angeschlossenen Day Hospital und einem Overnight Ward. Das Day Hospital kann man sich als Gemeinschaftspraxis vorstellen und übernimmt tagsüber die Versorgung Grün triagierter Patient*innen, im Overnight Ward können Patienten für einige Tage überwacht/ weiterbehandelt oder palliativ betreut werden. Ihr seid aber nur für 4 Resus- Betten mit Beatmungsmöglichkeit und 10 normale Behandlungsplätze zuständig. Intensivpflichtige Patient*innen oder Patient*innen die ein CT/ erweiterte Therapie benötigen, werden schnellstmöglich an größere Klinken verlegt (MPH oder Groote Schuur). Schnellstmöglich heißt in Kapstadt innerhalb einiger Stunden. Im HEC seht ihr Patient*innen aller Fachrichtungen, wie am MPH sind es aber hauptsächlich internistisch/ neurologische Patienten. Eure Hauptaufgaben sind Blutentnahmen/ BGAs (oft auch femoral), Zugänge, Anamnese/ Untersuchung/ Dokumentation/ Anordnungen, Wundversorgung. Dann gibt fast jede Schicht ein notfallmedizinisch- praktisches Leckerli (Lumbalpunktion, Pleurapunktion, Thoraxdrainage, geschlossene Reposition einer Luxation, Sonobefund in Maximalform, RSI). Die Frequenz polytraumatisierter Patienten war geringer als erwartet. Ich würde sagen, man versorgt ca. jede dritte Schicht einen Patienten mit multiplen thorakalen Schuss- oder Stichverletzungen.

Standort- Mitchells Plain Hospital (MPH): Das MPH ist ein größeres Bezirkskrankenhaus und für die Versorgung der umliegenden Townships zuständig. Es hat im Gegensatz zum HEC ein Labor, einen OP, stationäre Behandlungkapazitäten und einen CT wochentags von 8-16 Uhr (letzterer wird in der Praxis sehr restriktiv genutzt). Die Notaufnahme ist unterteilt in Minors (ein immer überfüllter Sitzbereich mit Behandlungsräumen- hier kann man sehr viel Wundversorgung machen), Majors (großer Raum mit ca. 20 Betten für schwerer Erkrankte- vor allem internistische/ neurologische Patienten und Community Assaults) und Resus (4 Betten mit Beatmungsmöglichkeit in separatem Raum- vor allem diabetische Ketoazidosen, respiratorische Insuffizienz und Polytrauma). Sonst unterscheiden sich die Standorte, insbesondere was die Patientenpräsentationen angeht, nicht wirklich. Das Team ist am MPH größer, außerdem sind zusätzlich zum Consultant und zwei einheimischen Ärzten zwei Studenten und ein ausländischer Volunteer Doctor pro Team vorgesehen. Es ist schön, sich mit den meist deutschen/ österreichischen Kollegen auszutauschen, man macht dadurch aber etwas weniger „fortgeschrittene“ Interventionen als am HEC.

Lehre: Am MPH werden ca. 2x wöchentlich ca. 45min dauernde, morgendliche, notfallmedizinische Fortbildungen durch die Teamleader gehalten. Die Themen sind interessant und gut aufbereitet. Da man aber meistens nach ca. 12h Nachtdienst auf den Beinen aus „Majors“ raustorkelt und nach ca. 10 Minuten in Sekundenschlaf fällt, habe ich insgesamt vom Theorieunterricht wenig mitgenommen.

Freizeit: Schaut in den Reiseführer eurer Wahl. Kapstadt ist eine kulturell, landschaftlich und gastronomisch super vielfältige Stadt und ihre Attraktivität wird nur durch eine hohe Kriminalitätsrate und rassistisch bedingte Ungleichheit eingeschränkt. Durch die hohe Arbeitslast am MPH/ HEC bleibt meist nur die freie Woche und einzelne Wochenenden, um die Stadt und Umgebung wirklich zu genießen, das lohnt sich dann aber sehr.

Sicherheit/ Transport: Zum HEC/ MPH kommt man nur mit dem Auto. Ihr solltet euch also überlegen, ob ihr eins mietet, eine Fahrgemeinschaft bildet, oder Uber/ Bolt nutzt. Ich habe Uber/ Bolt genutzt und mich immer sicher gefühlt (so sicher wie man sich in dieser Umgebung eben fühlen sollte). Falls ihr mit eigenem Auto fahrt: nutzt die N2, dann kurz R300 zum MPH/ Klipfontein Road zum HEC. Zur Beruhigung: die Hauptstraßen/ Autobahnen sind verhältnismäßig sicher. Allgemein konzentriert sich der Hauptteil der Gewaltkriminalität auf bestimmte Zonen innerhalb bestimmter Townships. Alle am MPH/ HEC arbeitenden Ärzte nutzen die genannten Straßen täglich und die wenigsten hatten jemals Probleme. Trotzdem bleibt ein gewisses Restrisiko, insbesondere bei Dunkelheit und dichtem Verkehr kommt es schon mal zu Smash and Grabs (Ziegelstein durchs Fenster+ Raub, bei Gegenwehr auch gerne Stab bzw. stumpfe Gewalt) - das haben mir einige Uber/ Bolt- Fahrer und Patientenfälle am MPH bestätigt. Ich würde Observatory (insb. den PJler- Hort Freeland Lodge) und Rondebosch als Wohnorte empfehlen. Sea Point/ Green Point sind gute Alternativen, man braucht aber wesentlich länger zur Arbeit. In östlicher Richtung bildet Rondebosch East die Grenze des sicheren Bereiches. Dort ist es nicht mehr schön, aber man kann noch tagsüber joggen gehen. Nördlich sollte man (etwas pauschal) die N2 als Grenze nehmen. Es gibt aber auch eine Karte online, die die Sicherheit der einzelnen Viertel Kapstadts darstellt.

Besonderheiten/ potenzielle Nachteile: 1. Allgemein kann es auf Dauer anstrengend sein, dass die Versorgung der Patient immer mal wieder unter der gemächlichen Arbeitsweise der Pflegekräfte leidet, insbesondere weil sie für die Medikamentengabe zuständig sind. Im dritten Nachtdienst um 4 Uhr muss man dann auch mal schwarzen Humor aufbringen, wenn sich Patienten viel zu lange vor Schmerzen winden, nach Urinflaschen betteln, man ein paar Minuten auf Intubationsmaterial wartet, man selbst vor jeder Aufgabe wieder zum Lager/ anderen Räumen laufen muss, um Arbeitsmaterial zu finden und dann das Bett bei einem instabilen Patienten ständig wegrollt (defekte Bremsen) und/ oder die Seitengitter beim Umlagern eines tonuslosen Patienten nicht runtergehen. Ausgeglichen wird das vor allem durch den enormen Zusammenhalt und freundschaftliche Atmosphäre im Team. 2. Man ist wirklich Teil des Teams und wird gebraucht: dadurch lernt man klinisches Denken und Ruhe bewahren, kann sich aber natürlich nicht so einfach frei nehmen wie z.B die Studierenden am Groote Schuur Hospital. 3. Die Arbeitsweise/ Organisation/ Ressourcen unterscheiden sich so stark vom deutschen System, dass man vor allem praktische Basics und klinische Einschätzung lernt, aber nicht unbedingt konkrete Vorgehensweisen, wie sie in Deutschland üblich wären. 4. Die Kosten und der organisatorische Aufwand (informiert euch vorab und nutzt Fördermöglichkeiten).

Zusammenfassend: Ich würde jedem notfallmedizinisch Interessierten ein Tertial am MPH/ HEC wärmstens empfehlen, auch für ein volles Tertial. Es ist auf verschiedenen Ebenen herausfordernd, aber genau dadurch auch sehr lohnenswert.
Bewerbung
Bewerbung: Ich habe mich 1,5 Jahre im Voraus beworben, sobald die Bewerbungen für meinen Zeitraum öffneten. Nach langem Warten und einmaligem Nachfragen kam dann auch eine Zusage. Sobald man eine Zusage hat und die Studiengebühren überwiesen sind, bekommt man die notwendigen Unterlagen für die Beantragung des Visums zugesendet. Für die Bezahlung kann man nicht SWIFT verwenden; ich habe nach einigen Versuchen und etwas Recherche Revolut als günstigste Möglichkeit genutzt.

Visabestimmungen: Da ich nach meinem Tertial in Kapstadt noch ein halbes Tertial in Johannesburg absolvieren wollte, musste ich ein Study Visa beantragen. Wenn man weniger als 6 Monate bleibt, kann man meines Wissens auch mit einem Touristenvisum einreisen und dieses ggf. 1x verlängern lassen. Bei der Verlängerung gibt es aber auch manchmal Probleme. Alternativ überzieht man seinen Aufenthalt und wird dann bei Ausreise zur unerwünschten Person erklärt (bekommt eine Einreisesperre zwischen 3 und 5 Jahren). Das Study Visa ist insgesamt teuer und aufwendig zu beantragen. Am nervigsten ist, dass man die Unterlagen persönlich in der südafrikanischen Botschaft in Berlin oder im Generalkonsulat in München einreichen muss. Beachtet unbedingt, dass das Generalkonsulat in München nur Anträge von Personen mit Wohnsitz in Bayern und Baden-Württemberg verarbeitet und alle anderen nach Berlin müssen- macht nicht denselben Fehler wie ich. Wenn ihr dann alle Unterlagen trotz nervigster Anforderungen (alles muss beglaubigt sein, ein Bank Statement für den Proof of Financial Means muss von der Bank auf Englisch gestempelt und unterschrieben sein – nur als Beispiel) zusammenhabt, dürft ihr an bestimmten Wochentagen nach Berlin oder München fahren, um dort stundenlang in Schlangen voller anderer nach Angstschweiß riechender Menschen anzustehen, um anschließend um ein Visum betteln zu dürfen.
Unterricht
2x / Woche
Inhalte
Sonst. Fortbildung
Tätigkeiten
Patienten untersuchen
Blut abnehmen
Patienten aufnehmen
EKGs
Notaufnahme
Punktionen
Gipsanlage
Chirurgische Wundversorgung
Braunülen legen
Eigene Patienten betreuen
Botengänge (Nichtärztl.)
Untersuchungen anmelden
Dienstbeginn
7:00 bis 8:00 Uhr
Dienstende
Schichtdienst
Studientage
Gar nicht
Tätigkeiten
Mittagessen regelmässig möglich
Essen frei / billiger
Gebühren in EUR
ca. 3500€ (4 Monate)

Noten

Team/Station
1
Kontakt zur Pflege
1
Ansehen des PJlers
1
Klinik insgesamt
2
Unterricht
2
Betreuung
1
Freizeit
1
Station / Einrichtung
2
Gesamtnote
1

Durchschnitt 1.33