Ich habe ein halbes Tertial, also acht Wochen, in der Viszeralchirurgie (General Surgery) am Morriston Hospital in Swansea absolviert.
Der Tag beginnt mit einer Übergabe um 8 Uhr morgens. Danach folgt man der Visite. Ich war Teil des Teams der kolorektalen Chirurgie (in GB ist die Allgemein-/Viszeralchirurgie unterteilt in upper GI, hepato-pancreato-biliary bzw. HPB und colorectal). Dabei folgt meistens eine Schar aus Foundation Doctors (britische PJler/AiPler) und Physician Assistants (PAs) einem Ober- oder Assistenzarzt und dokumentiert alles, was gesagt wird. Dabei habe ich im Laufe der Zeit auch immer mehr mithelfen dürfen und auch selbst mitdokumentiert und Patienten präsentiert. Die Visite geht bis zum späten Vormittag, danach geht das gesamte Team erstmal zu Costa um ausführlich gemeinsam Kaffee auf Kosten desjenigen zu trinken, der die Visite geleitet hat und nebenbei noch die Todo's zu besprechen.
Danach war ich als "elective" relativ frei. Zum Teil habe ich mitgeholfen, Todo's zu erledigen (meistens Braunülen oder Blutentnahmen), meistens bin ich aber in den OP gegangen. Entweder hatte man während der Visite schon etwas mitbekommen was am Tag läuft, sonst habe ich am OP-Empfang immer gefragt in welchem Saal die Kolorektalchirurgen operieren und bin dann dort hin. Am ersten Tag wurde ich auch mitgenommen. Meistens durfte ich im OP auch mithelfen und assistieren und mir wurde viel gezeigt. Vor allem die erfahrenen Assistenzärzte (Registrars) haben mich immer gerne mitgenommen und mir viel ermöglicht. Oft bin ich auch in einen der beiden Notfallsäle (CEPOD) gegangen und habe zugeschaut, wenn dort etwas viszeralchirurgisches lief. Falls es mal nichts gab oder es ewig gedauert hat, bis der nächste Patient dran kam hat es auch keinen gestört, wenn ich nach Hause gegangen bin. Ich hatte allerdings eine Anwesenheitsliste, die jeden Tag jemand unterschreiben musste. In der Realität habe mir aber auch mehrmals Kollegen einen Tag freigegeben und einfach so unterschrieben.
An einem Tag war ich auch auf der Surgical Assessment Unit (SAU), das ist so ein bisschen wie die chirurgische Notaufnahme. Dort kann man auch selbst Patienten untersuchen, dafür habe ich mich aber zu wenig darum gekümmert und es hängt auch daran, wer dort gerade eingeteilt ist.
Insgesamt habe ich viele spannende OPs gesehen und einige komplexe Fälle mitbekommen und viel über klinisches Management von viszeralchirurgischen Patienten gelernt. Das Team war sehr nett und hat mich sehr gut aufgenommen, dadurch hat das Tertial wirklich Spaß gemacht, auch wenn es manchmal etwas Leerlauf gab.
Bewerbung
Ich habe mich ca. ein Jahr im Voraus beworben, indem ich einfach eine Anfrage an die medizinische Fakultät der Uni in Swansea per Mail geschickt hatte. Generell ist die Verwaltung in Swansea unglaublich organisiert und entgegenkommend. Auf meine Anfrage mit Anschreiben und Lebenslauf wurde ich direkt an die verantwortliche Person für electives weitergeleitet, die mich dann an einen Oberarzt (consultant) vermittelt hat. Man braucht in Großbritannien nämlich immer einen direkten supervisor für sein elective, auch wenn das mehr eine Formsache ist. Meinen supervisor habe ich insgesamt viermal gesehen und er hat sich wirklich NULL interessiert. Ich hatte aber seine WhatsApp-Nummer und am Ende hat er alles unterschrieben, was ich brauchte. Ansonsten waren auch die Leute von der Fakultät und dem Krankenhaus wahnsinnig hilfsbereit und es gab bei Problemen und Fragen immer jemanden, der sofort geholfen hat. Die Orga war zwar viel zu tun aber trotzdem sehr straightforward und super organisiert. Normalerweise bietet die Uni auch nur electives von 4 Wochen an, macht aber für deutsche Studierende Ausnahmen weil sie wissen, dass wir längere Abschnitte machen müssen.
Mir wurde auch über die Uni eine Unterkunft in einem privaten Wohnheim vermittelt (die allerdings sehr teuer war), da konnte man sich einfach über die offizielle Seite der Uni unter Accommodation bewerben.
Das Krankenhaus liegt leider 8 km außerhalb der Stadt auf einem sehr hohen Berg. Es gibt eine regelmäßige Buslinie dorthin, ich habe mir trotzdem auf Gumtree ein Fahrrad gebraucht gekauft und bin damit gefahren.
Als Stadt ist Swansea übrigens hässlich wie die Nacht. Ich dachte mich könnte nach dem Ruhrgebiet nichts mehr schocken, Fehlanzeige. Darauf kommt es aber gar nicht so an, denn die Umgebung ist einfach paradiesisch schön und viele Leute dort sind extra wegen der Natur dorthin gezogen. Generell ist die Gegend für Outdoor-Aktivitäten super, man kann unglaublich viel unternehmen und z.B. Ausflüge/Wanderungen/Radtouren machen. Und der dort allseits bekannte und gern zitierte Spruch des Autors Dylan Thomas "ugly, lovely town" über Swansea stimmt wirklich, denn ich habe selten so überwältigend freundliche, entspannte, entgegenkommende, herzliche und gastfreundliche Menschen erlebt wie dort. Das war sowohl innerhalb als auch außerhalb des Krankenhauses der Fall, am Ende der acht Wochen waren meine Freundin und ich zweimal bei verschiedenen Leuten privat zum Abendessen eingeladen gewesen (und eins davon war ein Oberarzt aus der Anästhesie).
Fazit: Ein originelleres PJ-Tertial kann man in Großbritannien wahrscheinlich nicht machen. Wer also Lust hat, statt in London mal etwas ein bisschen abseits dem Mainstream auszuprobieren: Swansea ist DER Geheimtipp! Würde ich definitiv wieder so machen und empfehle ich jeder und jedem zu 100% weiter! Traut euch und ihr werdet belohnt werden ;)