Ich war im Rahmen meines Wahltertials 2 Monate in der plastischen Chirurgie in CapeTown am Groote-Schuur-Hospital.
Motivation:
Wenn nicht jetzt? Wann dann? Ich bin fest davon überzeugt das es in meiner näheren Zukunft nicht mehr leichter wird, beruflich Zeit im Ausland zu verbringen. Südafrika hat mich schon immer fasziniert. Eigentlich hatte ich aber schon das erste mal bei den Studiengebühren abgeschaltet weil mir das zu teuer war, dann habe ich im Erasmus in Lettland jedoch einen halb-Südafrikaner-halb-Deutschen kennengelernt der mir so viel von diesem Land und der Ausbildung dort vorgeschwärmt hat. Das ich mir gesagt habe... fuck it! Ich bewerbe mich jetzt und dann habe ich ja noch zwei Jahre mich um die Finanzierung zu kümmern.
Visum:
Als Deutscher braucht man bis 3 Monate Aufenthalt kein Visum. Wichtig ist es nur bei der Immigration-Control zu sagen das man für Tourism da ist und denen das Rückflugdatum zu nennen. Ein Student Visum ist deutlich mehr Aufwand und ein Visum vor Ort zu beantragen musst du auch min. 8 Wochen/ 2 Monate vor Ende des Visumsablaufs und in der Zeit behalten sie zur Bearbeitung deinen Reisepass ein... ich würde das für 4 Monate also schon in Deutschland klären.
Gesundheit:
Ein gang zum Tropenmediziner ist wärmstens zu Empfehlen. Ich habe eine Packung Malarone zur Malaria Prophylaxe mitgenommen, die braucht man in CapeTown aber gar nicht und halt die anderen Klassiker der Reiseapotheke.
Sicherheit:
Ambivalentes Thema. Grundsätzlich würde ich den Satz meiner Vermieterin wiedergeben: "Try to just dont be the easy target." Die Kriminalität die sich gegen Touristen richtet ist zumeist Beschaffungskriminalität und man ist bei der Gang-Kriminalität aussen vor. D.h. sei aufmerksam, bewege dich möglichst in Gruppen von 4 Leuten oder mehr, fahre Nachts nur Uber und gehe nicht zu Fuß, warte Nachts im und nicht vor dem Restaurant auf dein Uber... Halt dich aus den Townships raus(!) und wenn dir jemand das Handy oder ähnliches abnimmt... kämpfe nicht darum. Wir hatten gar nicht mal so wenige Patienten (immer Locals) im Krankenhaus die Überfallen worden sind aber gekämpft haben und sich dann ein Messer oder ähnliches eingefangen haben.
Mir ist in den zwei Monaten dort unten nichts passiert, aber rechts und links sind einige Handys geklaut worden oder jemand hat im Vorbeilaufen an einer roten Ampel mal probiert ob deine Tür zu ist. Einmal habe ich vor einem vermeintlichen Revolver (der nicht auf mich gerichtet war) Reisaus genommen, aber als ich nach zwei Monaten im Flieger nach Hause saß, habe ich auch drei Kreuze gemacht.
Geld:
Zwar sind die Lebenshaltungskosten in Kapstadt etwas günstiger... aber man hat sich auch gut gegönnt deswegen war es dann doch ein Kostspieliges Unterfangen. Durch ein Promos Stipendium habe ich nochmal 900€ bekommen, das hilft natürlich etwas, den Löwenanteil trägt man aber selbst.
- 800€ für die Flüge (Tipp: wenn man sich bei KLM als Student anmeldet, bekommt man kostenlos doppeltes Aufgabegepäck dazu und kann noch die eine oder andere Flasche Wein mit nach Hause nehmen.)
- 500€ pro Monat in ein Einzelzimmer in der Freeland Lodge
- 1500€ Studiengebühren.
Essen gehen kann man für 5 - 10€ und weil die Kosten in den Supermärkten höher sind, als in Deutschland geht man dann auch sehr häufig essen oder lässt sich was über UberEats etc. kommen.
Dazu kommen dann noch diverse Optionale Abenteuer... Tauchschein, Safari... Wochenenden in Cederberg und KapAgulhas oder auf einem der vielen Weingüter.
Dem aufmerksamen Leser wird soweit nicht entgangen sein... da addiert sich so einiges zusammen.
Sprache:
Englisch kann ich, Englisch habe ich gesprochen.
Darüber hinaus hat ZA 13 offizielle Amtsprache und die Nationalhymne ist außer Englisch auch noch in Xhosa, Zhulu und Afrikaans geschrieben. Im Krankenhaus wird alles gesprochen aber wirklich niemand erwartet das man was anderes spricht als Englisch. Ich habe mir einen Spaß daraus gemacht jeden Tag ein neues Wort Afrikaans zu lernen war zu Erheiterung meiner Kollegen führte. An Xhosa und Zhulu habe ich mir jedoch eine Lingua-Fraktur zugefügt.
Verkehr:
Linksverkehr it is... und es nervt jedes mal aufs neue.
Ich bin hauptsächlich Uber gefahren, vor allem für die Day to Day Trips. Zum Krankenhaus konnte man zum Glück innerhalb von 10min laufen. Ich habe das auch alleine gemacht, andere sind ausschließlich in der Gruppe gegangen oder haben sich ein Uber bestellt. Was davon das richtige war mag ich nicht zu beurteilen. Aber Nachts habe ich mir auch (als Mann) für 500m ein Uber bestellt.
Wenn wir Wochenendausflüge gemacht haben, dann haben wir am Flughafen ein Auto gemietet über billiger-mietwagen.de, war super easy und immer Preiswert zu bekommen. Tanken kostet ca. 1€/L. Ich habe einen Internationalen Führerschein mitgenommen, sehen wollte den aber nie jemand.
Kommunikation:
Habe mir eine SimKarte am Flughafen gekauft von VodaCom. Das war eigentlich weder günstig...noch gut. Spam Anrufe und SMS ohne Ende, Guthaben Aufladen ging auch nur in Supermärkten und nicht mit EC Karte.... naja. Ich würde aber unbedingt, eine Sim Karte kaufen und keine E-Sim nehmen damit man telefonieren kann um 1.ggf. den Notruf zu wählen, 2. in den National Parks muss man auch manchmal anrufen um etwas zu organisieren.
Unterkunft:
Gewohnt habe ich in der Freeland-Lodge und Annemarie und David machen da wirklich einen sehr professionellen Job. Ich habe mich dort jederzeit sehr gut aufgehoben gefühlt. Das hat mich wie oben angemerkt etwa 500€ pro Monat gekostet, kein Schnapper, aber ich wusste das Funktioniert und die Unterkunft existiert wirklich wenn man ankommt. (Habe da auch andere Storys von Scammern gehört und da hatte ich nach diesem Langstreckenflug wirklich gar keine Lust drauf.) Trotzdem stimmt es mich ambivalent, denn wir waren wie eine Parallelgesellschaft deutscher PJ´ler dort in der Lodge und ein wenig habe ich es vermisst das es weniger (wir waren ca. 35 Leute in der Lodge) und auch etwas mehr cozy hätte sein können. Naja... nothing is perfect.
Literatur:
Joar eigentlich keine. OpenEvidence, ChatGPT und Amboss und hin und wieder schicken einem die Kollegen ein Paper rüber.
Mitzunehmen:
Festes Schuhwerk und in den ersten Wochen war es auch noch ganz schön kühl, das haben wir alle Unterschätzt. Außerdem ist Kapstadt sehr sehr windig. Ich habe meine TrailRunnig Weste erstaunlich häufig genutzt und eine Kopflampe war auch nicht Verkehrt. Mit einer Schutzbrille habe ich mich im Op etwas sicherer gefühlt. Und sobald die Temperaturen ansteigen waren die Birkenstocks und ich halt wirklich beste Freunde.
Nicht mitnehmen: Kasacks, insbesondere in der FreelandLodge gibt es schon ein paar ;-), Kittel war auch völlig unnötig. Genauso wie Stethoskop, EKG Lineal und Leuchte. Ich habe außerdem relativ großzügig Verbandsmaterial mitgenommen... das einzige was ich davon gebraucht habe war Octenisept um Schürfwunden auszuspülen.
Reise:
Joar... 10.000km dauert ne weile und wegen KLM mit Zwischenstopp in Amsterdam. Mit Qatar über Doha hätte man die Strecke schön in zweimal 6h halbiert, aber ganz ehrlich bei mir hat auch vor allem der Geldbeutel entschieden welchen Flug ich nehme.
Tätigkeit:
Mitoperieren im Op bei allem was anfällt und das ist genau das was ich wollte und gehofft habe!
Und ich würde mich auch so weit aus dem Fenster lehnen zu sagen, dass man in keiner anderen Abteilung im GSH so viel praktisches lernen und machen darf!
Man schlurft da so gegen 8 in den OP Saal rein und hilft den Residents dann so gut man mit dem eigenen begrenzten Wissen über Prozesse in ZA bescheid weiß über das Lagern bis man sich zur OP Einwäscht. Im durchschnitt habe ich mich für circa zwei Ops am Tag eingewaschen und man wurde immer weiter heran geführt Dinge zu halten, zu schrauben und natürlich zu nähen. Habe dabei nie etwas Patienten gefährdendes gemacht würde ich sagen, aber deutlich mehr als ich zuvor in Deutschland gemacht habe. Die Station habe ich erfreulicherweise nur maximal einmal pro Woche gesehen. Blutabnahmen habe ich bei einer einzigen zugeguckt.
Seminare, Organisierte Teachings usw. gab es alles nicht, aber es gab halt super Arbeitskollegen die einem so gut sie konnten versucht haben jede Frage zu beantworten wenn man Interesse gezeigt hat und ich würde meinen Wissenszuwachs als sehr groß Einschätzen. Generell wird eigentlich alles über Whatsapp kommuniziert und dort auch die OP-Bilder verschickt. Und flexibel war dann Feierabend, ggf. wurde man auch aus dem OP-Saal komplimentiert, damit man auch mal was von dem Land erleben geht. (Wir müssen wohl etwas zu Strebsam gewirkt haben.)
(An mein liebes Team aus dem GSH, die haben einen echt tollen Job gemacht. Die haben nämlich auch gecheckt das es dieses Bewertungsportal gibt und lesen das jetzt fleißig.)
Wenn ich den Flurfunk einordne würde ich sagen in folgenden Abteilungen konnte man etwas lernen:
Plastische auf die 1(!), Trauma, Gyn, Ortho, Neurochirurgie, Augenheilkunde.
Abteilungen von denen ich wirklich moderat viel gutes Gehört habe: CardioThoracic, Gern.Surg., Da kommste um 8 zum Dienst, bist um 08:30 den ersten Kaffee trinken und um 09:00 zuhause und um 15:00 fragt einer der Docs da nochmal über Whatsapp nach ob noch jemand da ist und für die ganze Station Blutabnehmen und Röntgen anmelden kann. Ein Glück war das nicht mein Problem.
Land & Leute:
99,9% sehr nett und interssiert und hilfsbereit, 0,1% versucht dich zu scammen und oder auszurauben.
Kapstadt alleine bietet mehr als man in einem ganzen Tertial erleben kann deswegen muss man aus FOMO, JOMO machen. (Joy Of Missing Out) Die Lodge war ein super Anküpfungspunkt für IGs (Interessensgruppen.) und ich habe eigentlich nicht eine Tour selber geplant sondern nur die Erfahrungen und Pläne von Leuten die es bereits erlebt haben kopiert und leicht angepasst. Deswegen schreibe ich hier auch keine Auflistung von all den Dingen die man in Kapstadt erleben kann, sondern nur meine persönlichen Highlights.
1. Safari für 6 Tage im Kruger-Nationalpark. Selbst organisiert mit Flügen aus Joburg, Kostenpunkt ca. 500€ p.P (wir waren zu dritt)
2. Wochenende in Cederberg mit Wanderung durch die Wolfberg Cracks zum Wolfberg Arch. (8h) Wunderschöne Landschaft wie bei Starwars. Gesamtkosten für das Wochenende ca. 120€
3. Wochenende am Kap Agulhas, dem südlichsten Punkt Afrikas. ca. 60€
4. Tauchschein im Atlantik. ca. 400€ war unglaublich kalt (10 Grad)... aber naja weiß nicht wann ich sonst einen Tauchschein gemacht hätte. und ich war mit Haien tauchen und habe MolaMolas gesehen etc.
5. Wanderung auf den TableMountain via Skeleton Gorge aber noch besser über das India Venster. Das hat unglaublich viel Laune gemacht. 0€
6. Wanderung auf den LionsHead und von dort den Sonnenaufgang angucken. 0€
7. Wanderung auf den DevilsPeak. Von allen Hügeln mit Abstand am wenigsten touristisch.
8. Besuch von Robben Island (dem Gefängnis in dem Nelson Mandela eingesessen hat für 18 Jahre), würd sagen das ist das südafrikanische Äquivalent zu dem was in Deutschland die KZ Besuche als Mahnmal sind.
9. Cape of Good Hope (20€ Eintritt) und in einer rutsche mit den Chapmans Peak, Boulders Beach mit den Pinguinen (sind auch nur Hühner), Simons Town.
10. Surfen in Muizenberg. 10€ für 2h bei Reefs Surfshop. Ganz ganz große Empfehlung. Man braucht keine Vorerfahrung um damit anzufangen, nur gute laune und mut.
11. SHAWCO Clinic. Bricht mit den Sicherheitsempfehlungen aber einen Tag Pädiatrie machen unter Supervision in einem Township. Alles ist sicher und man kommt mit den südafrikanischen Studenten sehr gut in Kontakt.
Gibt sicherlich noch viele andere Dinge aber das sind Spontan meine Highlights (nicht hierarchisch) aufgezählt. Ich bin auch alleine hingeflogen und habe ganz viele Leute kennen gelernt die Lust hatten mit einem neue Dinge zu starten.
Fazit:
Absolut geile Zeit! Ich kann das jedem der es finanziert bekommt nur absolut empfehlen! Und ich glaube ich würde jeden Euro wieder ungefähr genauso ausgeben.
Bewerbung
Hab am 23.12.23 die erste Email an Kelly Marneveld geschickt und am 25.12.23 die Aufforderung bekommen meinen beglaubigten Perso einzureichen. Danach ging es dann kleckerweise weiter bis alles da war und dem Tertial nichts mehr im Wege stand.