TL;DR
Ich war zu Beginn meines Tertials sehr motiviert und hatte mich auf die Anästhesie gefreut. Leider wurde ich insgesamt eher enttäuscht und kann ein Tertial in Murnau eher nicht empfehlen. Positiv hervorzuheben ist die landschaftlich attraktive Lage, insbesondere für Outdoor-Aktivitäten wie Skitouren und Wandern.
Allgemeines / Studientage
Am BG Klinikum Murnau sind keine festen Studientage vorgesehen. In der Praxis fällt es jedoch nicht unbedingt auf, wenn man einzelne Tage nicht anwesend ist – was für manche eine gewisse Flexibilität bedeutet. Das gilt allerdings nur für die Anästhesie; in den chirurgischen Fächern wurde deutlich mehr auf Anwesenheit geachtet. Wohnraum wird nicht gestellt. Stattdessen erhält man vom Klinikum eine sehr ausführliche Liste mit möglichen Unterkünften in der Umgebung. Die Mietkosten können einen Großteil des PJ-Gehalts (400 Euro) beanspruchen. Ich selbst bin aus München gependelt, was ebenfalls machbar war. Das Mittagessen ist kostenlos.
Struktur des Tertials
Mein Tertial war in mehrere Abschnitte gegliedert: Intensivstation (ca. 6 Wochen), Anästhesie im OP (ca. 7 Wochen), Schmerzmedizin (2 Wochen), Prämed/Hyperbare Sauerstofftherapie (1 Woche). Eine Mit-PJlerin konnte außerdem einen Tag mit dem Notarzt mitfahren, allerdings nur durch viel Eigeninitiative und persönliches Engagement. Bis wenige Wochen vor meinem Start wurde das NEF ausschließlich von Chirurgen besetzt; das hat sich inzwischen geändert. Möglicherweise ist es mittlerweile einfacher, auch als PJler in der Anästhesie dort mitzufahren.
Einstieg und erster Eindruck
Organisiert wird das PJ von Frau Enz, einer Sekretärin aus der Chirurgie. Sie war sehr nett, immer ansprechbar und hat uns neuen PJlern am ersten Tag eine kleine Führung durchs Haus gegeben. Das war ein guter Start, und ich war anfangs sehr motiviert.
Intensivstation
Der Arbeitstag beginnt um 7 Uhr und endet in der Regel mit der Nachmittagsübergabe zwischen 17:00 und 17:30 Uhr. Eine feste ärztliche Zuteilung gab es mal, mal nicht; oft musste man sich selbst jemanden suchen, der einen einbindet.
Die Atmosphäre war sehr wechselhaft: Einige Ärzte nahmen sich Zeit, erklärten und überließen einem kleinere Tätigkeiten. Bei vielen anderen war die Motivation zur Lehre jedoch eher gering, sodass man sich nach der Morgenübergabe manchmal wie bestellt und nicht abgeholt fühlte. Das hat mich persönlich auch an einigen Tagen ins Grübeln gebracht.
Typische Aufgaben waren das morgendliche Untersuchen eines Patienten mit kurzer Dokumentation. Praktische Tätigkeiten waren selten. In der gesamten Zeit auf Intensiv konnte ich einen ZVK und eine Arterie legen. Insgesamt war die Tätigkeit stark vom „Hinterherlaufen“ geprägt. Eine Mit-PJlerin erzählte mir, dass sie ebenfalls nur einen ZVK gelegt habe – und das nur, weil sie an einem Freitag bis spät abends geblieben ist.
Mein Eindruck: Mit *sehr* viel Eigeninitiative (und Bereitschaft, länger zu bleiben) wäre mehr möglich gewesen. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass es nicht unbedingt gern gesehen wird, wenn PJler viele invasive Tätigkeiten übernehmen, wobei das im OP nochmal deutlicher spürbar war.
Anästhesie im OP
Offiziell ist ein Mentorenmodell vorgesehen, bei dem man zwei feste Ansprechpartner hat. In der Praxis war das allerdings nur eingeschränkt hilfreich: Meine Mentoren waren zwar freundlich und haben mich auch eingebunden, aber durch Urlaub, Einarbeitungen oder andere Aufgaben oft gar nicht verfügbar.
Deshalb musste ich mir selbstständig OP-Säle suchen. Das klappte unterschiedlich gut. Häufig bin ich einfach in verschiedene Säle „hineingestolpert“ in der Hoffnung, dass sich jemand meiner annimmt. Dabei musste ich öfter erklären, dass meine Mentoren gerade nicht da sind.
Ein Erlebnis, das für mich stellvertretend für das Lernklima stand: Als ich bei einem Patienten mit dem Ultraschallgerät geeignete Venen am Unterarm darstellen wollte, kam der Bereichsoberarzt herein, nahm mir den Schallkopf aus der Hand und sagte, ich sei nicht offiziell in das Gerät eingewiesen und solle bitte nur zuschauen. An diesem Tag bin ich dann früher gegangen. Das verdeutlicht, dass Eigeninitiative nicht immer willkommen war.
Insgesamt konnte ich im OP etwa zehn Intubationen durchführen. Einige jüngere Assistenzärzte erzählten mir, dass sie selbst schon kritische Rückmeldungen erhalten hätten, wenn sie Studierende ans Laryngoskop ließen – was die zurückhaltende Einbindung von PJlern zumindest teilweise erklärt.
Freizeit und Region
Die Region ist ein klarer Pluspunkt: Im Winter sind Skitouren, Langlaufen und Schneeschuhwandern möglich, im Sommer Wandern, Klettern und Radfahren. Wer die Natur liebt, wird hier definitiv glücklich. Für Pendler aus München oder Garmisch ist Murnau erreichbar; wer von weiter weg kommt, muss mit den Unterkunftskosten rechnen.
Positiv war auch, dass die geringe Kontrolle gewisse Freiheiten bot: So fiel es beispielsweise nicht auf, wenn man mittwochs nicht erschien. Ich habe das nach den ersten enttäuschenden Wochen bis zum Schluss konsequent durchgezogen.
Fazit
Das PJ-Tertial in der Anästhesie am BG Klinikum Murnau ist geeignet für Studierende, die Wert auf eine landschaftlich attraktive Umgebung legen und mit einer eher passiven Rolle im klinischen Alltag zurechtkommen. Wer hingegen eine lehrreiche und praxisorientierte Ausbildung mit vielen Prozeduren und enger Begleitung sucht, wird hier vermutlich enttäuscht. Und für diejenigen, die – so wie ich – irgendwo dazwischen sind, ist Murnau wahrscheinlich ebenfalls nicht unbedingt die beste Wahl.