PJ-Tertial Allgemeinchirurgie in Kantonsspital Aarau (9/2021 bis 12/2021)

Station(en)
Thorax, Kinder, Notfallambulanz, Gefäss, Ortho/Trauma, Viszeral
Einsatzbereiche
Station, Notaufnahme, OP
Heimatuni
Nicht angegeben
Kommentar
Kurzversion - Fazit
Ich würde Keinem das Chirurgie Tertial am KSA empfehlen. Vorab ich bin nicht besonders chirurgisch interessiert, stehe dem Tertial jedoch sehr offen gegenüber. Gerade wenn ich unbedingt Chirurgie machen wollte, würde ich eher die Finger hiervon lassen. Aber auch so war es eine sehr zermürbende Zeit.



Legende
UAs = Unterassistenten (auch UHU= Unterhund)
AA = Assistenzarzt
OA = Oberarzt
Pikettdienst = Bereitschaftsdienst für OP



Zu der Notenvergabe
Maximal 5 mit Tendenz zur 6. Ganz klar. 4 würde ausreichend bedeuten. Das war die Ausbildung am KSA nicht. Hätte ich jetzt nach dem PJ eine Chirurgieprüfung, wäre ich komplett lost. Warum schreibe ich meine Gesamtnotengabe explizit hier noch einmal auf?

1. Ich finde die PJ Ranking Notenvergabe verfälscht ein bisschen den Eindruck am KSA. Kategorien wie Klinik und Kontakt zur Pflege, Team und Station sind ein nices add on. Aber zu sehr sollte es die Note nicht beeinflussen. Ihr werdet schnell merken, dass solche Sachen euch wenig bringen, wenn das essentielle fehlt: Tätigkeiten und Teaching. Was ich zur Stimmung sagen kann: Die meisten Ärzte sind sehr nett und die Stimmung generell gut. Aber stände genau das auf meinem Zeugnis, wäre das jetzt nicht so aussagekräftig, was meine medizinische Ausbildung angeht. Und darum geht es ja letztendlich.

2. Ihr werdet sehen, dass ich einzelne Rotationen/Fächer deutlich besser als eine 5 bewerte. Ihr müsst verstehen, dass das in Relation zu den Rotationen am KSA untereinander geranked wird. Die „guten Rotationen“ sind im Vergleich zu den anderen Rotation am KSA gut. Absolut gesehen, ist das gesamte Tertial wirklich mangelhaft.



Zu den anderen PJ Bewertungen

Habe viele Bewertungen gelesen und bei mir schleicht sich manchmal das Gefühl ein, ob die Leute, die die Chirurgie im KSA gut bewertet haben, überhaupt da gewesen sind. Teilweise sind die Sachen, die dort berichtet werden, nicht für mich nachzuvollziehen.

Die meisten Berichte hingegen sind sehr zutreffend. In der Gesamtschau kann man sagen: Man hat keine Aufgaben, vegetiert auf Station, kriegt wenig bis kein Teaching und hält im OP Haken. Es gibt einzelne Rotationen wo es etwas besser ist aber all in all ist das schon echt Zeit absitzen.

Ey, aber klar, warum solltet ihr dann genau meinem Bericht vertrauen? Könnt ihr nicht. Aber das einzige was ich euch anbieten kann: Hatte eine Umfrage gestartet für alle Unterassistenten, die ich getroffen hab - sowohl Schweizer als auch Deutsche. Die Stats und Fakten findet ihr dann weiter unten.



Klischee vs Fakt

Klischee: „Teaching ist besser und Hierarchie flacher in der Schweiz“
Fakt: Im KSA Chirurgie DEFINITELY NOT. Andere Fächer wie Neurologie oder Innere Medizin sollen wohl ganz gut sein (von Innere und Neuro-UAs am KSA berichtet). Ich gebe euch aber generell einen Tipp nachdem ich jetzt mit mehreren Kommilitonen mich ausgetauscht habe: Fürs Teaching braucht ihr definitiv nicht extra in die Schweiz zu gehen. V.a. an peripheren Krankenhäusern in Deutschland ist das Teaching überragend. Hierarchien mindestens genauso flach oder sogar flacher. Ich würde sagen, wenn ich das KSA, was kein Uniklinikum ist, dann also mit einem Maximalversorger aus Deutschland vergleiche, ist das Teaching in der Chirurgie schlechter und Hierarchien sogar eher höher.

Klischee: „Bessere Arbeitszeiten und mehr money in der Schweiz“
Fakt: Mehr Money ist true. Es sind ca. 1500 Fr/Monat. Davon habt ihr nach Abzug Miete ca. 1000 Fr. Cave: Lebenskosten sind in Schweiz sehr hoch, aber immerhin kommt ihr mit 0 raus im Vergleich zu DE. Besser Arbeitszeiten sicher nicht. Habe deutlich mehr Präsenzzeit gehabt als in DE und dazu kommen die Pikettdienste.



Stats und Fakten

Hier die Umfrageauswertung der UAs, denen ich während meines Tertials begegnet bin. Da sind sowohl schweizer als auch deutsche UAs dabei und sowohl aus meiner Rotation als auch überschneidende vorherige UAs und nachfolgende UAs.

Ihr werdet sehen, dass die Bewertung insgesamt sehr schlecht ausfällt. Man denkt schnell (mich mit einbezogen), wenn man schlecht bewertende Berichte liest denken: Die Person war einfach unmotiviert, hat sich nicht ins Team eingegliedert. V.a. wenn sich die Leute richtig auskotzen in ihren Berichten. Possible. Ich kann nur sagen:

1. In meinem vorherigen Tertial habe ich ständig Patienten eigenständig untersucht und AAs oder OAs vorgestellt, Briefe, Rezepte geschrieben und all in all selbstständig gearbeitet.
2. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass alle UAs, die mit mir da waren (es waren bestimmt während meiner Zeit 10 andere UAs da, die alle Ähnliches berichten) faule UAs sind, die sich einfach nur inkompetent anstellen. V.a. die deutschen UAs bewerben sich oft 2 Jahre im Voraus. Finde das alleine zeugt schon von Commitment und Perseverance.

An dieser Stelle habe ich die Fotos unten angehängt. Sie sollten inhaltlich hier angeschaut werden. Fig.1-3

Zu Fig.1: Ich habe bewusst noch einmal zwischen Motivation und Berufswahl unterschieden. Ich selbst wollte nicht unbedingt Chirurg werden. Aber d.h. nicht, dass ich auf das Tertial generell keine Lust hätte oder etwas dabei zu lernen.
Interessant ist, dass die Leute die beim Lernzuwachs mittel gewählt haben noch folgende Aussagen getroffen haben:
„ Mittel wegen OA in der Thoraxchirurgie“ (Mehr zu besagtem OA in der Langversion)
„Mittel, weil: Zu Lernen was/wer man nicht werden möchte, ist auch ein Lernzuwachs“

Zu Fig.2: Wer wissen will, wieso es so ist, sollte die Langversion lesen.

Zu Fig. 3: Eine Collage aus Antworten, die mir zugeschickt wurden.



Generelles Problem (!!!)
Vieles davon war mir selbst gar nicht klar, bevor ich vor Ort war. Deswegen wichtiger Tipp: Lest euch Folgendes bitte aufmerksam durch.
1. Schweizer vs Deutsch UA-System: Ihr kommt als Deutsche in das Schweizer UA-System, das sich wirklich deutlich unterscheidet. Schweizer haben keine Famulaturen. Es ist ihr erster grösserer praktischer Abschnitt und auch nicht immer im letzten Jahr, sodass sie etwas unerfahrener in die UA-Zeit gehen. Aber viel Wichtiger: Sie rotieren viel mehr, sodass sie oft nur 1 Monat Chirurgie machen und dann in den Disziplinen (Ortho, Viszi etc. ) jeweils nur 1 Woche oder paar Tage sind.

Ihr ahnt das Problem: Eingebunden zu werden im Team mit festen Aufgaben ist deutlich schwieriger. Als Deutsche rotiert ihr dadurch sehr häufig mit und seid nicht immer am Stück in einer Disziplin sondern nur 1-2 Wochen. Manchmal nur ein paar Tage.

Falls ihr euch jetzt denkt: Nice, dann kann ich als Deutscher falls ich länger in einer Abteilung bleibe, mich ja schon abgrenzen und mich einarbeiten. Hold on KollegIn. Selbst wenn, habt ihr einfach aufgrund dieses Systems (sie gehen schließlich von schneller Fluktuation aus) keine festen Aufgaben. Trotzdem sollte das meiner Meinung nach nicht der Grund für eine schlechtere Ausbildung sein. Auf der Inneren Medizin funktioniert es schliesslich auch besser

2. Keine festen Aufgaben. Das ist mit Abstand der Wichtigste Punkt. Am Anfang dachte ich noch. OK, egal. Dann kann ich halt einfach chillen. Will eh nicht unbedingt Chirurgie machen. Ihr werdet schnell merken, es ist verdammt schwer die Zeit so rumzukriegen, weil ihr trotzdem nicht früher gehen könnt. Es ist absolut zermürbend!!!

3. Kein wirkliches Teaching. Es gibt vielleicht maximal 3-4 Ärzte im GESAMTEN Haus, bei denen man merkt, die machen das gerne. Zu denen müsst ihr erst einmal rotieren. Und in grösseren Teams müssen sie gerade da sein.

Genereller Tipp: Man merkt auch, wenn man in eine Abteilung/Haus kommt, wo eine Teaching Mentalität herrscht. Es ist eine komplett andere Atmosphäre, wenn 80% der Ärzte, egal ob AA oder OA sich zumindest sich für dich interessieren und dir was erklären. Das muss kein stundenlanger Vortrag sein, aber wenn immer wieder mal was kommt, ist das einfach ein anderes Gefühl.

Aus meinen Famulaturen und vorherigem Tertial kann ich sagen, diese Mentalität findet ihr hier nicht vor. Wenn man während einer 3h OP nach 2h der einzige Kommentar des Operateur ist: Das hier ist der Nerv und ihr habt seit 1h eigentlich keinen wirklichen Plan mehr was abgeht, ist das kein wirkliches Teaching, sondern maximal ein Comment. Aber interessant, dass manche Operateure merklich sich darauf etwas einbilden und das Gefühl haben, sie hätten Teaching betrieben und der/die UA sollte sie jetzt dafür anhimmeln :D



Langversion: Rotationen/Fächer
Für die sehr Motivierten unter euch. Die einzelnen Fächer bewertet mit Kurzeinführung. In absteigender Beliebtheit. BTW den Dienstplan und damit die Rotationen macht - wer hätte das gedacht ein UA! (Arbeit wird schön abgeturft :D). Meist ist es der/die dienstältester-UA. In meiner Rotationen eine absolut selbstlose UA - nicht immer selbstverständlich. Shoutout an dieser stelle :)

Notfall: Note 2 -> Yes, finally. Ihr dürft eigene Patienten betreuen. Mal Anamnese machen. KU. Übergabe. Briefe schreiben. Warum keine 1? Weil das sehr arztabhängig ist in welchem Umfang das stattfindet. Ganz selten auch Ärzte, wo das alles rausfällt. Aber meistens ist es so, dass ihr mal einzelne Sachen machen dürft. Z.b. mal die Anamnese, aber Rest übernimmt wieder AA. Das kenne ich aus anderen Notaufnahmen anders, wo man deutlich mehr selbstständig arbeiten darf. Dennoch im Vergleich zu den anderen Rotationen deutlich angenehmer. Nähen darf man hier übrigens immer.

Thorax: Note 2 -> Das liegt hauptsächlich an dem zu meiner Zeit anwesendem OA. Absoluter Ehrenmann. Von allen UAs hochgelobt. Der nimmt sich die Zeit. Geht mit euch Patientenfälle durch. Erklärt euch viel im OPs und Sprechstunden. GG, wenn er mal das KSA verlassen sollte. Im OPs darf man fast immer zunähen und unter besagtem OA auch sogar mal mehr machen :) . Mo und Fr Sprechstunde -> meist passives Zuhören, ihr macht selbst eigentlich absolut gar nichts ausser den OP Aufklärungsbogen kopieren. Di-Do OP Tage. Mit besagtem OA lehrreich. Ansonsten geht so.

Kinderchirurgie: Note 3 -> Der zu meiner Zeit anwesende AA = absoluter Held. Erklärt super viel, aber ist sich auch nicht zu schade mal die UAs früher heimzuschicken, wenn nichts mehr Spannendes ansteht (Ist in allen anderen Rotationen NICHT so). Das ist eine Rotation, wenn ihr richtig Bock habt, könnt ihr von der Theorie her viel mitnehmen. OAs an sich nett. ABER man darf fast nichts selbst machen. Weder im OPs noch in Sprechstunde. Mo, Mi, Fr morgens OPs, danach Sprechsstunden. Di, Do nur Sprechsstunden

Gefässchirurgie: Einzige Rotation, die ich nicht gemacht habe. Daher keine Note. Jedoch von meinen UA-Kollegen mittelmässig bewertet. Grund: Man darf mal wieder nichts machen (Ihr merkt schon das zieht sich durch die gesamte Bewertung xD) Ärzte erklären sporadisch einem was.

Viszeralchirurgie: Note 5. Man fühlt sich 0 mitgenommen. Keine Aufgaben ausser OPs Haken halten bei Thyreoidektomien yeeeeeey. OP Liste für nächsten Tag erstellen (dauert ca. 10-20min) Rest des Tages haben die meisten anderen UAs genutzt um Dissertation zu machen oder in der Cafeteria zu gammeln.

Orthopädie: Note 5. Habe dazu eigentlich nichts mehr gross zu sagen. Same old story. Habe hier eigentlich nur auf den OP Plan geschaut, ob ich irgendwo eingeteilt war zum Haken halten.



Sprache
Schweizer Deutsch ist schon sehr anders. Bei mir war es der erste Kontakt als deutscher Muttersprachler. Aber die ersten Wochen habe ich absolut nichts verstanden. Zum Glück ist die Ärztebelegschaft am KSA sehr international und viele sprechen dadurch auch Hochdeutsch, aber mit Patienten verstehen, hatte ich anfangs oft Probleme. Semipositiver Aspekt -> im KSA habt ihr in Chirurgie eh keine eigenen Patienten, sondern seid nur der Creep der nebendran rumsteht und nichts tut ;P
Aargauer Dialekt ist übrigens noch eines der einfachsten zu verstehen. Und nach einpaar Wochen kommt ihr da auch rein also no worries ;)

Stadt
Aarau ist jetzt nicht die grösste Stadt. Aber liegt genau zwischen Zürich, Bern und Basel. Alles gut zu erreichen. Daher kann man gut traveln. Auch in Aarau selbst kann man eigentlich ganz gut ausgehen.

Unterkunft
War in der berühmten Birkenweg Unterkunft. Es ist ein riesiges Herrschaftshaus mit grossen Zimmern. War alles super. V.a. nur 5 min vom KSA entfernt. Habe daher zum Glück kein Fahrrad gebraucht. Ihr habt in dem Haus bis zu max. 10 Mitbewohner. Aber auf jedem Stockwerk ist eigenes Bad mit Toilette (3 Stockwerke), aber nur 1 Küche. Ansonsten riesiger Garten mit Grill für den Sommer ganz nice.


Unterricht
1x / Woche
Inhalte
Nahtkurs
Dienstbeginn
7:00 bis 8:00 Uhr
Dienstende
16:00 bis 17:00 Uhr
Studientage
1x / Woche frei
Tätigkeiten
Kleidung gestellt
Unterkunft gestellt
Aufwandsentschädigung / Gehalt

Noten

Team/Station
4
Kontakt zur Pflege
4
Ansehen des PJlers
5
Klinik insgesamt
4
Unterricht
6
Betreuung
6
Freizeit
5
Station / Einrichtung
4
Gesamtnote
5

Durchschnitt 4.73