PJ-Tertial Chirurgie in Spitalzentrum Biel (12/2012 bis 3/2013)

Station(en)
Orthopädie C1/3, Chirurgische Privatstation C1/3, Notfall
Einsatzbereiche
Station, OP, Notaufnahme
Heimatuni
Wuerzburg
Kommentar
Wer Chirurgie abgöttisch liebt, der mag in diesem Spital richtig sein- alle anderen unter euch lassen besser die Finger davon!
Um ein wenig Übersicht in meine Bewertung zu bringen, greife ich die einzelnen Noten noch einmal auf und schreibe jeweils dazu ein paar Zeilen:

1. Team/Station: Note 4
Ich möchte an dieser Stelle vor allem das ärztliche Team bewerten. In Biel sind zu 80% Schweizer Ärzte angestellt. Von ihnen haben die meisten in Bern studiert. Warum ich das explizit zu Beginn erwähne? Der Grund ist schnell genannt: In Biel kam ich mir an so manchen Tagen wie in einer "Berner Inzucht" vor. Als Deutsche fühlte ich mich hier nicht immer willkommen, ganz im Gegenteil. In so mancher Situation konnte ich zunehmend den Eindruck gewinnen, dass die Schweizer Studenten den Deutschen gegenüber bevorzugt behandelt wurden. Das fing schon bei der Begrüßung am ersten Tag an und zog sich bis in den OP fort.
Das Team in Biel ist nicht sonderlich groß. Dennoch gewinnt man als PJ- Student kaum Anschluss. Entgegen meines vorhergehenden Tertials in Luzern, unternimmt man nichts mit den Assistenzärzten. Die Gespräche sind sehr oberflächlich, man wird auch nicht eingebunden.
Es gibt wenige nette Oberärzte, in aller Regel sind es dann Deutsche. Unter den Assistenzärzten scheint ein großer Konkurrenzkampf zu bestehen.
Zu den Assistenzärzten konnte ich nur oberflächlich Kontakt schließen. Die ersten vier Wochen war ich den Orthopäden zugeteilt, was mein Glück war. Das Team besteht aus sehr netten Assistenzärzten, vor allem ein Deutscher war stets bemüht und hat mir versucht, die Zeit ein wenig leichter zu machen.
Die Assistenzärzte der Allgemeinchirurgie hingegen sind den PJlern gegenüber nicht unbedingt wohl gesonnen. Einige unter ihnen scheinen die Arroganz schon fest verankert zu haben. Auch für sie ist man bereits eine billige Arbeitskraft, die nicht direkt zum Team dazu gehört. Sätze wie "Du kannst nichts mehr für mich erledigen" sind bei so manchen schnell parat oder auch "Lass das doch die Studentin machen, dafür ist sie doch da" (dabei handelt es sich dann häufig um weitere OPs, in denen man auch noch den Haken und die Klappe halten soll).

2. Kontakt zur Pflege: Note 3
Die Lobby der Krankenschwestern in der Schweiz ist riesig. Vorteilhaft ist sicherlich, dass sie viel mehr machen dürfen als in Deutschland und einem das Blutabnehmen am Morgen vor all den OPs abnehmen und man nicht als PJler alleine dafür grade stehen muss. Aber umgekehrt wissen sie auch um ihre Position, ihr Leitung zum Chef ist kurz und direkt. Da ich in meiner Zeit in Biel im Wesentlichen nur auf einer Station eingeteilt war, kann ich nur das eine Team genauer beurteilen. Ich hatte nicht viel mit ihnen zu tun, da ich die meiste Zeit im OP verbracht habe und nur wenig Stationsalltag miterleben konnte. Aber die kurze Zeit erbrachte mir folgenden Eindruck: die meisten Krankenschwestern waren sehr nett und hilfsbereit, wenn man mal nicht weiter wusste. Die wenigsten waren mit Kratzbürsten zu vergleichen, das dann aber so richtig- so habe ich regelrecht Wettrennen auf dem Stationsflur mit einer Schwester veranstaltet, da sie unbedingt vor mir Patienten aufnehmen wollte. Kommentare von mir wie z.B. "Ich muss aber gleich in die nächste OP und habe nicht viel Zeit, lass mich bitte den Patienten zuerst aufnehmen" wurden mit Antworten wie "Du bist Studentin, du kannst das dann doch auch abends noch machen" regelrecht bestraft. Hier stand man als Unterassistent in der Hackordnung auch ganz unten, welche es doch in der Schweiz angeblich in dieser Form gar nicht geben soll. Ein Irrtum meiner Meinung nach!

Die OP- Pflege ist sehr durchwachsen. Hier gibt es so manche niederländische Krawallschachtel, die den Studenten nicht wohl gesonnen ist. Warum Niederländer? Ganz einfach: Da das Spitalzentrum nicht genug Pflegekräfte aus "dem eigenen Land" beziehen kann, wurde eine niederländische Firma angeheuert, die in gewisser Weise Zeitarbeitskräfte in das Spital schickt. Das am Rande. Die nettesten OP- Kräfte habe ich in der Orthopädie erlebt. Hier wird auch mal gescherzt und gelacht, es kann sogar Spaß machen. Man wird nett behandelt. Ganz im Gegensatz zu mancher deutscher Pflegerin bei den Allgemeinchirurgen. Hier kam es zu Situationen wie "Geh zur Seite, ich will was sehen (obwohl ich Haken und Bein halten muss)", "Kannst du nicht grade stehen, du musst doch NUR das Bein halten".

3. Ansehen des PJlers: Note 4
Dazu fallen mir Kommentare der Ärzteschaft ein wie "Unterassistenten gehören nicht zum Team, sie sind die Fußabtreter" oder "Wenn Frau Dr. XYZ die PEG- Sonde nicht assistieren möchte, dann musst du das noch machen, du bist schließlich die Studentin" oder aber "Ich kann heute nicht mehr in den OP kommen, da ich mich nicht wohl fühle. Aber dafür haben wir ja die Studentin" bis hin zu "Wenn Sie etwas lernen wollen, dann lesen Sie sich das eben im Buch durch."
In so manchen Moment, es waren sehr viele in meinen 16 Wochen, kam ich mir wirklich wie der letzte Idiot vor. Ich habe unzählige Stunden im OP verbracht, was wohl auch an der geringen Anzahl der Studenten lag. Nicht desto trotz wurde dabei nur wenig Rücksicht genommen. An so manchen Tag war ich in zwei Sälen gleichzeitig eingeteilt, und wurde dafür schließlich auch noch vom zuständigen OA angegangen, dass ich das doch bitte zu regeln hätte. Tage von 08:00 Uhr morgens bis 18:00 Uhr abends im OP waren keine Seltenheit, hinzu kamen viele Pikett- Dienste, bis zum fünf in einer Woche um genau zu sein. Assistenzärzten werden die Dienste kompensiert, bei Studenten ist das ein no-go. Steht man abends oder nachts im OP, so steht man dennoch am nächsten Morgen auch wieder um 08:00 Uhr im Saal.
In Biel scheint man unter dem Chirurgie- Tertial wohl im wesentlichen ein OP- Tertial zu verstehen. Hat man viel Zeit im OP verbracht, ist der Soll vom Spitalzentrum erfüllt. Leider ein Trugschluss. Nähen habe ich gelernt in meiner Zeit, viel mehr aber auch nicht. Hat man nachgefragt, kamen so oft nur einsilbige Antworten. Einzig der Chef hat mir im OP Fragen gestellt. Das waren allerdings aber auch zu 90% rein anatomische Fragen und nichts über die Krankheit im Speziellen.

4. Klinik insgesamt: Note 4
Das Spitalzentrum gehört zu den sogenannten A- Spitälern in der Chirurgie und Orthopädie in der Schweiz. Es wird auch viel operiert, gar keine Frage. Nur leider interessiert man sich bei allem nur wenig für die Unterassistenten aus Deutschland.

5. Unterricht: Note 5
Ein sehr "unterhaltsamer" Aspekt meines Tertials. Erst in meiner vorletzten Woche in Biel habe ich schließlich per Zufall in Erfahrung bringen können, dass ich eigentlich jede Woche zweimal hätte Unterricht haben sollen. Während meiner Bieler Zeit waren wir maximal vier Studenten, darunter zwei schweizer Blockstudentinnen aus Bern. Ein weiterer deutscher Unterassistent und ich hatten gar keinen Unterricht. Die Sekretärin des Co- Chefs ist eigentlich für die Unterassistenten verantwortlich und hätte mir diese Info auch bei Eintritt weitergeben sollen. Hat sie leider nicht. Um die Schweizer Blockstudenten jedoch wurde sich herzlich bemüht: sie bekamen gleich bei Eintritt einen Unterrichtszettel mit den Seminarzeiten und wurden wohl behütet auf die Stationen verteilt. Das ganze führte dazu, dass ich ein einziges Mal Unterricht hatte und das mehr als bescheiden. Es handelte sich dabei um eine reine OP- Fragerunde mit dem Chefarzt, einer Blockstudentin und meiner Wenigkeit. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich mich in einer Prüfung widerfinden können.
Selbst wenn ich rechtzeitig von den Unterrichtszeiten in Kenntnis gesetzt worden wäre (darunter gab es Themen wie Nahtkurs, Fallvorstellungen, spezifische Themen), so hätte ich sicherlich an der Mehrzahl der Stunden sowieso nicht teilnehmen können, da ich meistens im OP anwesend sein musste.
Es war einfach durch und durch eine miserable Organisation: es gab keine Kommunikation zwischen Sekretariat und PJlern und ständig war man im OP eingeteilt und kam sonst zu oft zu nichts.
Am OP- Tisch selbst wurde mir nur selten etwas erklärt. Hier waren die Orthopäden in jedem Fall lehrfreundlicher als die Chirurgen. Wie gesagt, beim Chefarzt gab es "nur" anatomische Fragen und nicht viel darüber hinaus. Operierte ein Assistenzarzt, so war der Oberarzt zumeist damit beschäftigt aufzupassen und zu helfen und als Student sollte man Haken und Klappe halten.
Auf Station und insbesondere auch auf Visite wurde mir gar nichts erklärt, es wurden mir auch keine Fragen gestellt (so kannte ich es eigentlich aus all meinen Famulaturen). Einzig und allein zum Erledigen des x-ten Schellong- Tests, dazu wurde ich angesprochen. Ansonsten war man zu 90% ein stiller Mitläufer.
Natürlich ist man als Student für die Eintritte verantwortlich. In aller Regel hat man diese aber nicht durchgesprochen, rein theoretisch hätte man zig Fehler machen können und es wäre nicht weiter aufgefallen. Einzig und alleine eine orthopädische Assistenzärztin hat immer gefragt: "War alles klar oder sollen wir uns zusammen noch etwas genauer anschauen?"
Mir wurden keinerlei Handgriffe, wie etwa insbesondere bei Knie- oder Hüftuntersuchungen, gezeigt. Schade eigentlich, da ich die ersten vier Wochen in der Orthopädie war und sich das gerade dort immer wieder angeboten hätte.

6. Betreuung: Note 3
Das ergibt sich wohl aus dem bereits oben genannten. Wenig Unterricht, wenig Betreuung, wenig Bedside- Teaching.
Hatte ich keine Eintritte zu erledigen und musste ich mal nicht im OP stehen, war ich oftmals regelrecht arbeitslos und habe mir mit Online- Kreuzen bei Thieme die Zeit vertrieben.
Einzig und alleine die beiden letzten Wochen auf dem Notfall waren was die Betreuung und den damit verbundenen Lerneffekt betrifft wirklich positiv zu bewerten. Hier durfte ich viele Patienten nach Rücksprache mit meinem zuständigen Assistenzarzt selbst betreuen, die Briefe schreiben und konnte sie danach mit ihm durchgehen und hatte so den ein oder anderen kleinen oder auch größeren Lerneffekt.
Von den OAs und CAs darf man in Biel keine Wunder erwarten. Ein deutscher OA war sehr bemüht, mir zumindest auf dem Notfall immer wieder etwas zu erklären, sofern es seine Zeit zugelassen hat. Ansonsten war man oftmals Luft für die oberen Reihen.

7. Freizeit:
Die freien Tage in Biel stehen und fallen vor allem mit der jeweiligen Anzahl der Studenten, denn auf sie werden vor allem die Pikett- Dienste am Wochenende verteilt. So war es für mich keine Seltenheit, jedes zweite Wochenende Dienst zu haben. Einzig und alleine in den vier Wochen, in denen wir die Unterstützung durch zwei Blockstudentinnen hatten, war es ein wenig entspannter und auch die alltägliche OP- Knechtschaft konnte fair verteilt werden.
An den Wochenenden muss man in der Dienstbereitschaft innerhalb von 60 Minuten nach Anruf im OP sein können. Das heißt, dass man einen sehr eingeschränkten Bewegungsradius hat und mir ist dabei so oft die Lust vergangen, mich groß in Biel zu bewegen, da man ständig auf glühenden Kohlen sitzt, wann wohl das Telefon das nächste Mal klingeln wird. Den ersten Weihnachtstag habe ich eigentlich komplett im OP verbracht, dafür gibt es aber auch keinerlei zeitliche Kompensation.
Unter der Woche kann man auch bis zu fünf Mal Pikett haben. Von MO bis FR beginnt der Pikett jeweils um 17 Uhr und dauert bis zum nächsten Morgen 8 Uhr. An den Wochenenden hat man durchgehend Dienst.
Da für mich einige wirklich anstrengende OP- Tage dabei waren, hatte ich abends keine Lust mehr noch groß etwas zu unternehmen. Die Tage waren oft lang und auch anstrengend.
Leider war ich auch zur Winterzeit in Biel, da halten sich Freizeitwert und Attraktivität der Bieler Seenregion wahrlich in Grenzen. Einzig und alleine die nahen Skigebiete wie z.B. bei Gstaad sind wirklich ein Traum, mit dem Auto ist man innerhalb eineinhalb Stunden vor Ort.
Mit anderen Unterassistenten habe ich auch nichts unternehmen können, es war einfach niemand da. Mit mir gab es nur einen weiteren deutschen Unterassistenten und beide sind wir meist an unseren freien Wochenenden nach Deutschland "geflohen", um zu Hause ein wenig Kraft zu tanken und zur Ruhe zu kommen. Und da man auch zu 90% abwechselnd Dienst hat, bestand fast nie die Gelegenheit dazu, gemeinsam etwas zu unternehmen.

8. Station/Einrichtung: Note 3
Den Punkt finde ich persönlich nicht entscheidend für ein PJ- Tertial. Ich kann nur so viel sagen: Zwischen privaten und Allgemein- versicherten Patienten besteht in der Schweiz ein riesen Unterschied. Die einen haben alles im Zimmer und nahezu jeder Wunsch wird erfüllt, die anderen teilen sich Dusche und WC auf dem Flur gemeinsam. Besonders schön, als wir Norovirus auf unserer Station zu Besuch hatten...


Mein persönliches Fazit:
Lasst es mich zunächst mit einer pro- und Contra- Liste verdeutlichen:
Pro:
- Die zwei Schlusswochen auf dem Notfall. Hier konnte ich sehr viel selbstständig arbeiten und hatte das Gefühl, nützlich und willkommen zu sein
- ein deutscher OA, "mein" deutscher AA auf der Ortho und meine Schweizer AÄ auf der Chirurgie: sie alle waren nett und haben mir doch das ein oder andere Lächeln ins Gesicht zaubern können
Contra:
- Die Anzahl der Studenten, es sind einfach viel zu wenige
- dadurch war ich drei Wochen alleine auf der Chirurgie und eigentlich nur im OP
- "kein" Unterricht bzw. nicht die Chance ihn zu nutzen
- ein Team, zu dem man kaum Zugang gewinnt
- unfreundliches OP- Personal
- viele viele Pikett- Dienste, die man überhaupt nicht kompensieren kann

Wenn ihr für die Chirurgie morden würdet und das Fach euer absoluter Traum ist, dann mag Biel vielleicht eine Option für euch sein. Ansonsten würde ich an eurer Stelle die Finger davon lassen. Wenn ihr in der Schweiz Chirurgie machen wollt, dann geht in ein großes Kantonsspital. Dort sind in der Regel mehrere Unterassistenten zur gleichen Zeit dort. Dadurch kann man sich viel besser aufteilen und untereinander im OP abwechseln. Und natürlich kommt der soziale Aspekt auch dazu.
Nicht vergessen darf man die Zweisprachigkeit in Biel: Ich persönlich hatte den Eindruck, dass es überwiegend französisch sprachige Patienten gibt. Eine gewisse Grundlage an Französischkenntnissen schadet hier ganz bestimmt nicht, sie macht einem die ein oder andere Anamnese deutlich einfacher.


Das Beste an meinem Tertial in Biel:
Das war wohl das Wohnhaus. Es ist sehr großzügig, sauber, ruhig, modern eingerichtet, die Zimmer haben eigene Bäder, es gibt ausreichend Stauraum, die Küchen sind sehr komfortabel mit u.a. zwei Backöfen, die Zimmer sind geräumig- alles was dafür spricht, dass man sich hier wohl fühlen kann...
Bewerbung
Ca. ein Jahr im Voraus. Da wir aber so wenige waren, gibt es sicherlich auch jederzeit kurzfristig noch freie Plätze in Biel.
Unterricht
2x / Woche
Inhalte
Fallbesprechung
Sonst. Fortbildung
Tätigkeiten
Briefe schreiben
Gipsanlage
Braunülen legen
Notaufnahme
Mitoperieren
Untersuchungen anmelden
Patienten aufnehmen
Chirurgische Wundversorgung
Dienstbeginn
7:00 bis 8:00 Uhr
Dienstende
17:00 bis 18:00 Uhr
Studientage
Gar nicht
Tätigkeiten
Aufwandsentschädigung / Gehalt
Essen frei / billiger
Kleidung gestellt
Gehalt in EUR
ca. 770 Euro
Gebühren in EUR
ca. 450 Euro

Noten

Team/Station
4
Kontakt zur Pflege
3
Ansehen des PJlers
4
Klinik insgesamt
4
Unterricht
5
Betreuung
3
Freizeit
4
Station / Einrichtung
3
Gesamtnote
4

Durchschnitt 3.87